Es sind jetzt zwanzig Jahre vergangen, seit das deutsche Schulschiff „Niobe“ sank. Von 109 Mitgliedern der Besatzung wurden nur 40 gerettet. Einer von ihnen – Alfred Frenzel, der heute als Beamter in Hamburg lebt – schilderte unserem Mitarbeiter die Katastrophe,. wie er sie erlebte.

Es war am 26. Juli 1932. Das Segelschulschiff „Niobe“, eine Dreimastschonerbark mit etwa 1000 qm Segelfläche, befand sich auf der Fahrt durch den Belt in die Ostsee. Es hatte 109 Mann Besatzung an Bord, davon über die Hälfte Seekadetten. Die Sonne schien warm, der Wind kam mit Stärke 2 bis 3, das Schiff hatte alle Segel gesetzt.

Zur Mittagszeit tauchte mit tiefem Brummen ein zwölfmotoriges Wasserflugzeug, die berühmte DO X, auf und verschwand rasch wieder. Bei klarem Wetter passierte die „Niobe“ das Feuerschiff „Fehmarnbelt“. Der Signalgefreite Frenzel wechselte mit ihm vom Achtermast aus Signale.

Kurz nach 14 Uhr hob sich über der Insel Fehmarn eine blauschwarze Wolkenwand. Das Feuerschiff war inzwischen achteraus zurückgeblieben, und der Hamburger Dampfer „Therese Ruß“ hatte sich der „Niobe“ auf Sichtweite genähert. Durch sein Doppelglas beobachtete der Kommandant, der beim Rudergänger stand, die Wolkenwand, die stetig breiter und größer wurde. Obwohl das Barometer stieg, also weiterhin auf Schönwetter deutete, ließ er zur Sicherheit die Oberbram- und Besamtoppsegel bergen.

Frenzel fragte die „Therese Ruß“ an: „Wo kommen Sie her?“ und: „Wo gehen Sie hin?“ Er erhielt aber keine Antwort mehr, denn die aufsteigenden Wolken hatten den Dampfer erreicht und einen Regenschleier davorgezogen. Da holte er die Flaggen nieder und rollte sie auf. Den internationalen Antwortwimpel klemmte er unter den Arm und ging nach vorn, wo er ihn unter die Back hängen wollte.

Er war noch nicht am Vormast, als unerwartet eine Bö die Segel traf. Das Schiff holte auf 30 Grad über. Ein paar dicke Regentropfen fielen. Der Kommandant gab den Befehl: „Hart steuerbord!“, um das Schiff in den Wind schießen zu lassen und den Druck aus den Segeln zu nehmen. – Frenzel war stehengeblieben. Er schaute nach oben. Es prasselte und knisterte in der Takelage. Der Wind hatte die Leinwand prall gefüllt. Die Brassen waren straff gespannt: Und während er noch stand und nach oben sah, erhielt die „Niobe“ den zweiten Stoß. Mit verstärkter Wucht traf eine Fallbö Rumpf und Segelfläche. Eine ungeheure Kraft schien die Spitzen der Masten herunterzuziehen. Der Himmel hatte sich verfinstert. Schlagartig setzte heftiger Regen ein, untermischt mit Hagelschauern.

Der Bootsmannsmaat pfiff: „Alle Mann klar zum Manöver!“ – Da streiften auch schon die Nocken der Rahen die Wasseroberfläche. Die ganze Backbordseite tauchte unter. In dickem Strom rauschte das Wasser durch die Backbordklappen. Das Schiff gehorchte nicht mehr dem Ruder. Polternd kippten unter Deck Backen, Bänke und Spinde.