Von H. Alscher

Dem Gebiet um den Isteiner Klotz droht eine Dürrekatastrophe. Schon seit Wochen ist kein ergiebiger Regen mehr niedergegangen. Hinzu kommt, daß durch die Inbetriebnahme des zweiten Teilstücks des Rheinseitenkanals der Grundwasserstrom immer weiter absinkt. Das Öhmdgras wird braun, die Apfel und Zwetschen fallen in großer Zahl von den Bäumen. Die Bremsen plagen Mensch und Vieh so sehr, daß ein Arbeiten im Freien nur in der Morgenfrühe und in den Abendstunden möglich ist. „Badische Zeitung“

Wenn die Bewohner von Rheinweiler morgens aus dem Fenster schauen, sehen sie, in einer Entfernung von ein paar hundert Metern, hinter dem weißen Betondamm des Rheinseitenkanals die großen Schleppzüge fahren. Ist der Rumpf der Schiffe sichtbar, dann wissen sie, daß der Kanal viel Wasser führt und daß auch in ihrem alten Rhein noch etwas Wasser sein wird – den Rhein selbst sehen sie nicht, so tief ist er gesunken. Sind aber drüben im Kanal nur die Mastspitzen zu erkennen, weil der Wasserstand niedrig ist, dann ist das alte Strombett so leer, daß man es durchwaten kann.

Seit Februar 1952 ist die zweite Stufe des französischen Rheinseitenkanals in Betrieb. Er verläuft auf elsässischem Boden in geringer Entfernung parallel zum Rheinbett. Kurz vorher war es auf dem Rhein noch lebhaft zugegangen, hatten Schleppkähne angelegt, hatten Rheinschiffer die Schiffslände, die Wirtshäuser und die Geschäfte in Rheinweiler und den Dörfern an „Rhein-Strässle“ belebt. Dann verschwand über Nacht der Rhein aus seinem alten Bett: die Franzosen hatten das Wasser nach Fertigstellung der zweiten Staustufe in den Kanal abgelenkt. Als die Rheinweiler erwachten, war der Rhein verschwunden, und wo früher ein breiter Srom floß, war nur noch ein ärmliches Rinnsal, das sich um Steine, Sandbänke und Buhnen herumschlängelt. Nur einmal füllte sich das Rheinbett noch einmal so schnell, wie es damals verschwunden war. Als nämlich die Franzosen, ohne Warnung und ohne Angabe von Gründen, vorübergehend den Kanal plötzlich sperrten und die ganze alte Wassermenge wieder für kurze Zeit durch den Rhein, ablaufen ließen. Damals kam das Wasser wie eine Sturzflut durch das Tal herab, ein Fischer ertrank, einige andere konnten nur mit Mühe und Not ihr Leben retten. Tags darauf war das Wasser wieder fort. Drum sprechen manche hier vom „gestohlenen Rhein“...

Für die Rheinniederung ist die Senkung des Wasserstandes von schweren Folgen. Der Grundwasserspiegel ist um zwei bis vier Meter zurückgegangen, und zwar nicht nur in den rheinnahen Gebieten, sondern auf einem breiten Landstreifen rechts und links des Flusses, auf der deutschen wie auf der elsässischen Seite (die von dem Kanal keinen wasserwirtschaftlichen Nutzen ziehen kann, weil sein Bett betoniert ist). Das ist desto gefährlicher, weil sich die Rheinregulierung, die nach den Plänen des badischen Oberst Tulla zwischen 1817 und 1874 durchgeführt wurde und die Windungen des Stromes durch die ehemalige Auenlandschaft zugunsten eines geraden Schifffahrtsweges beseitigte, schon als ein tiefer und außerordentlich nachteiliger Eingriff in die Land- und Forstwirtschaft des Rheintals erwiesen hatte. Nach der Regulierung hatte der jetzt schneller fließende Strom sich immer tiefer in den Boden gewühlt und zur Senkung des Grundwasserspiegels soviel beigetragen, daß heute in Rheinweiler die alten Brunnen in acht Meter Tiefe längst kein Wasser mehr ziehen.

Viel sichtbarer sind die Folgen der neuen Wasserentziehung durch den Kanalbau. Auf der Höhe der ersten Staustufe, die unterhalb Basels liegt, sieht man bereits ganz deutlich den Versteppungsprozeß an der Vegetation, hier findet man schon in Massen die Dornsträucher, welche die Bäume zu ersetzen anfangen, wenn in deren Wurzeltiefe kein Grundwasser mehr vorhanden ist. Im Gebiet der zweiten Staustufe, die seit einigen Monaten in Betrieb ist, geht der Grünwuchs jetzt schon zurück und auch das Wachstum der Bäume ist deutlich behindert. Die Folgen sind so ernst, daß die französische Regierung, um den bitteren Klagen der elsässischen Bevölkerung zu entgehen, den Ankauf eines tiefen Landstreifens längs des Rheines erwägt. Für die badischen Gebiete tritt zu den land- und forstwirtschaftlichen noch ein besonderer hygienischer Schaden. Die Stadt Basel läßt ihre Kanalisation ohne Zwischenschaltung wirksamer Klävorrichtungen in den Rhein münden. Bei Märkt ist ein Wehr, das von den Franzosen bedient wird. Hat sich dort eihe große Menge von Fäkalien gesammelt, dann öffnet man das Wehr, und bei westlichen Wilden treibt sodann der Unrat der Stadt Basel in das klägliche Rinnsal des deutschen Rheins. So ist denn auch stromabwärts von Märkt die Oberfläche des Flusses beinahe zugewachsen, der Weidenwuchs ist so stark, daß man heute ungesehen vom deutschen zum französischen Ufer witen kann, wo einst der Rhein große Schiffe trug.

Die Grundlage für all dies ist in rechtlicher Hinsicht der Versailler Vertrag von 1919, und zwar der Artikel 358. Danach hat Frankreich das Recht, „zur Speisung der bereits gebauten oder noch zu bauenden Schiffahrts- und Bewässerungsanlagen oder für jeden anderen Zweck Wasser aus dem Rhein zu entnehmen“. Deutschland mußte sich überdies verpflichten, „den Bau eines Seitenkanals und einer Ableitung auf dem rechten Stromufer gegenüber der französischen Grenze nicht zu unternehmen oder zuzulassen“. Nach deutscher Auffassung müßte der Rhein immer so viel Wasser führen, daß die Schiffahrt nicht nur im Kanal, sondern auch im Rheinstrombett gesichert wäre. Davon kann aber keine Rede sein. Der Versailler Vertrag enthält keine Vorschriften, welche Mindestwassermenge im Rheinbett bleiben muß. 1921 und 1924 schlugen die Franzosen selbst eine Mindestmenge von 50 Kubikmeter je Sekunde vor. Inzwischen haben sie aber die Wasserführung im Seitenkanal von 150 auf 1080 Kubikmeter erhöht, und für den alten Rhein bleibt, wenn nicht gerade Hochwasser ist, bald nichts mehr übrig. Diese Erhöhung wurde im Jahr 1947 zwischen der Schweiz und Frankreich vereinbart, ohne daß Deutschland beteiligt worden wäre. Darin liegt eine schwere Brüskierung der völkerrechtlichen Tradition hinsichtlich der Rechte der Uferstaaten. Früher einmal haben die Franzosen anders darüber gedacht: „Kein Volk kann, ohne sich einer Rechtsverletzung schuldig zu machen, einen Strom ausschließlich zu seinem eigenen Vorteil zu monopolisieren trauten, indem es die Uferstaaten hindert, sich die gleichen Dienste zu sichern.“ So lautete ein Beschluß des Nationalkonvents vom 16. 11. 1792.