Der Junge stand da und rührte sich nicht. Die Mutter auf der Zeugenbank hielt sich das Taschentuch vor die Augen und weinte. Der Gerichtsschreiber drehte den Bleistift in der Hand, sah zu dem Jungen hin und wartete. – "Wenn du also nichts weißt und nichts mehr auszusagen hast", sagte der Richter, "dann möchte ich jetzt den Staatsanwalt bitten..."

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Dies war – wahrheitsgetreu – die Geschichte, die einen Jungen nach Hahnöfersand brachte. Jeder Junge hat eine andere Geschichte. Aber erstaunlich ist, daß – so viele Akten man auch prüft – die allgemeinen Zeiterscheinungen keine so große Rolle spielen, wie man annehmen möchte. Dr. Buhl sagte ausdrücklich, daß nicht etwa die Kinder der Ostvertriebenen mehr gefährdet seien als andere. Auch ist es nicht so, daß die Armut die moralische Anfälligkeit erhöht. Auffallend ist allerdings, daß viele Jungen, die in Hahnöfersand ihre Strafe verbüßen, von Eltern stammen, deren Ehe zerrüttet ist oder die geschieden sind. Dies erinnert an einen Ausspruch, den neulich der bekannte Hamburger Straf Verteidiger Percy Barber tat: "Eben, aus denen Kinder hervorgegangen sind, sollten nicht geschieden werden können." – Dr. Buhl, der Chef der Hamburger Gefängnisse, sagte: "Ich habe oft erfahren, was den Jungen gefehlt hat, die hier sitzen. Es ist eine Sache, die man in dieser Umgebung kaum auszusprechen wagt, so sonderbar klingt dieses Wort; es heißt: Liebe..."

"Heißt ein anderes Wort nicht auch: Religion?" Ich habe den Saal gesehen, in dem sonntags der Gottesdienst stattfindet. Er liegt in dem Hauptgebäude, das der größte Architekt Hamburgs, der unvergeßliche Fritz Schumacher, gebaut hat. Dies Haus erinnert äußerlich in nichts daran, daß es ein Gefängnis ist. Innen aber hat es die offenen Korridore, die dem Gefängnisstil entsprechen. Der obere Flur ist nur ein Umgang um eine Öffnung, die mit ihren Verstrebungen an ein der Technik geweihtes Haus erinnert: der Technik der Gefangenen-Bewachung. Man denkt an Filme mit den Kulissen von Sing-Sing, wenn man das Innere dieses Gebäudes betrachtet; man fröstelt und begreift: Der Architekt Schumacher, dieser fortschrittlich-kluge Mann, dieser wahrhaft humanistische Geist, hat das Neue gewollt und ist doch nicht weit genug gegangen. Nun, auch der Gottesdienstraum ist atmosphärelos. Es ist – anders als in Zuchthäusern – den Gefangenen freigestellt ob sie den Gottesdienst besuchen wollen oder nicht.

Ja, es scheint dies sogar ein Prinzip des Strafvollzugs von Hahnöfersand zu sein. Denn Dr. Buhl antwortete nicht, als ich andeutete, daß eine Humanität doch vielleicht in Gefahr sei, blutleer zu wirken, wenn sie nicht eine lebendige Berührung mit dem Geist habe, der alle abendländische Kultur hervorgerufen hat: mit dem Geist des Christentums. Immerhin aber ist der Gefängnispfarrer eine der wichtigsten und einflußreichsten Persönlichkeiten von Hahnöfersand, und in der Zelle eines Jungen sah man ein Muttergottesbild und eine Darstellung des Evangelisten Markus. Unbeholfene, doch fromme Malereien, die der junge Gefangene selbst angefertigt hatte. Nicht bloß eine ethische Leistung wie der Weg mit dem eisenhaltigen, rotfarbenen Sand und den Blumen oder wie die Wandzeichnungen im Unterrichtssaal, sondern echte Andachtsbilder: Das Werk eines Jungen, der die Religion, den lieben Gott, vielleicht gerade erst entdeckt hat. Wie zu Heiden muß wohl auch der Gefängnispfarrer predigen, wenn er im Gottesdienst spricht. So wenigstens erscheint es, wenn man die Aufzeichnung einer seiner Predigten liest...

Tagebuch-Aufzeichnungen:

Der Gottesdienst fand im Haus I statt, oben im Freizeitsaal. Es waren überraschend viele Jungen gekommen. Sie saßen in zwei Blocks auf den Klappstühlen. An der Wand hing ein Kreuz. Zu beiden Seiten standen Leuchter mit langen, gelben Kerzen. Die Jungen sangen aus dem hamburgischen Gesangbuch. Es klang dünn, obwohl die Stimmen von einem Harmonium begleitet wurden. Der Pfarrer sagte: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.