Von Werner Picht

Werner Picht, der Leiter des Landerziehungsheims Birklehof, hat ein viel beachtetes Buch „Vom Wesen des Krieges“ geschrieben. Wir haben ihn gebeten, den Kernpunkt seiner wichtigen Darlegungen und seine Gedanken zur Wiederbewaffnung Deutschlands für uns niederzulegen.

Der Westen hat sich nach einer Periode der Lähmung – Reaktion auf die seiner Ideologie und Lebensform widersprechende jahrelange totalitäre Kriegführung – unter der Schockwirkung des Korea-Sommers zu einer Abwehr der Bedrohung aus dem Osten entschlossen. Aber das Schauspiel dieser Sammlung militanter Kräfte ist, am Maßstab des Ernstes gemessen, wenig überzeugend. Das ist um so bedenklicher, als es hier gerade auf den Eindruck ankommt, zunächst beim Gegner, der ja von einer kriegerischen Handlung abgeschreckt werden soll, dann aber auch beim deutschen Volk, dem nach militaristischer Überforderung, verlorenem Krieg und pazifistischer Umerziehung eine Bereitschaft zum Waffendienst abgefordert wird.

Der Osten bietet das Bild eines spartanischen Heerlagers. Der zivile Bedarf tritt hinter dem militärischen zurück. Der sowjetische Rüstungsetat beläuft sich auf ein Drittel des gesamten Staatshaushalts, der zwei Drittel des Nationaleinkommens beansprucht. Dabei entspricht bei der Bedürfnislosigkeit des Sowjetarmisten dem gleichen finanziellen Aufkommen ein weit größerer militärischer Nutzeffekt.

Im Westen dagegen besteht ein flagrantes Mißverhältnis zwischen den bedrohlichen Diagnosen der militärischen Sachverständigen und der moralischen Haltung der Völker, der Regierungen, ja des Soldatenstandes selbst. Man beschließt Maßnahmen, man stellt Rüstungsprogramme auf, aber bei alledem ist man sichtlich darum besorgt, sich nicht ins Fleisch zu schneiden. Was von dem „austerity“-Programm der Besatzungstruppen verlautet, war nicht gerade beeindruckend.

Die fehlende Bereitschaft zu materiellen Opfern ist symptomatisch. Kein Wunder, daß die Lösung der Kernfrage, in welcher Form die europäische Aufrüstung zu erfolgen habe, zu nichts Besserem als zu der Konzeption einer „Armee der Vorurteile und tausend Vorbehalte“ (Weinstein) geführt hat, zu einem Projekt, das der künftige Befehlshaber dieser Truppen, Marschall Juin, nach der Versicherung des Hearst-Korrespondenten Kingsbury-Smith für „militärisch undurchführbar“ hält. Das Urteil Eisenhowers, bei dessen Äußerungen politische Rücksichten eine Rolle gespielt haben, ist von dem des Marschalls nicht sehr verschieden. Jedenfalls ist die Minderung der Schlagfertigkeit durch Grad und Methoden der Integrierung nicht ernsthaft zu bestreiten, und ebensowenig das tief Zerstörerische des Mißbrauchs einer Integration des europäischen Kämpfertums – der Idee nach Ausdruck europäischer Solidarität – zur Unschädlichmachung des mit Mißtrauen und Furcht betrachteten deutschen Partners.

Das deutsche Volk befindet sich in der Frage der Wiederbewaffnung in moralischer Abhängigkeit, unvermeidliche Folge der Tatsache, daß, wenn es sich entschließt wieder anzutreten, es dies im Schlepptau der Sieger von vorgestern und der Peiniger von gestern tut. Gerade wenn man das uns einzig angemessene Verhalten darin sieht, daß wir als die am tiefsten in Unheil und Schuld der Zeit Verstrickten das Notwendige ohne Furcht und ohne Vorwurf, im alleinigen Gehorsam vor dem Gebot der Stunde tun müssen, ist diese Schwierigkeit beim Namen zu nennen. Es ist nicht möglich, dieses Volk zu den Waffen zu rufen (was ja nicht durch eine unter fühlbarem Druck von außen zustande gekommene Parlamentsentscheidung mit knapper Majorität geschehen kann), wenn ihm nicht auf eine eindeutige und optisch eindrucksvolle, ja hinreißende Weise bewiesen wird, daß es sich dabei um den Eintritt in eine zum Äußersten entschlossene Notgemeinschaft handelt. Wie anders wäre dem Einwand zu begegnen, es sei sonst doch jedes Opfer umsonst gebracht?