Von Walter Abendroth

Wenn es wahr ist, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, dann ist ebenso wahr, daß nicht alles, was nicht glänzt, weniger wert ist als Gold. Der Wissenschaft von den Metallen ist diese Wahrheit längst bekannt. Der Kunstwissenschaft ist sie weniger geläufig.

Eine Erscheinung, die sich der allgemeinen Aufmerksamkeit keineswegs durch Glanz aufdrängt, ist der Komponist und Musikerzieher Philipp Jarnach, der am 26. Juli in Hamburg, der Stadt seines jetzigen Wirkens, sein 60. Lebensjahr vollendet. Wir wissen uns der Neigung zu lokalpatriotischer Überbewertung zufälliger Jubiläumsanlässe durchaus unverdächtig und meinen nicht „unseren hochverdienten und verehrten Herrn Direktor“ oder die berühmte „Zierde unserer Stadt“, wenn wir dem ersten Leiter der noch jungen Hamburgischen Musikhochschule zu diesem Datum eine Würdigung widmen, wie sie ihm zukommt.

Philipp Jarnach gehört zu den schöpferischen Künstlern, deren Namen „mit Respekt“ genannt wird, ohne daß diese Anerkennung ihres Ranges sich auf eine entsprechend klare Vorstellung von ihrer eigentlichen Leistung stützen könnte. Als daher kürzlich bei verschiedenen Gelegenheiten Werke von Jarnach in Hamburg zu hören waren (darunter sein neues Streichquartett „Dem Gedächtnis der Einsamen“), gab es eine Art Überraschung, ein erstauntes Aufhorchen. Man hatte wohl gewußt, daß man in der Person des hochseriösen Musikers Jarnach einen Zuwachs an kultureller Reputation für die repräsentationsfreudige Hansestadt hatte verbuchen können; aber daß es so ernst damit gemeint sein sollte, das wirkte doch wie eine plötzliche Offenbarung.

Dieser, von ihm selbst bestimmt nicht erwartete, Überraschungseffekt hat zweierlei Ursachen. Die erste liegt in der menschlichen Natur Philipp Jarnachs und kann, solange er lebt, wohl nicht behoben werden. Jarnach hat die heute fast ausgestorbene Eigenschaft, bescheiden zu sein. Nicht in jenem schlechten Sinne der gespielten Unterschätzung des eigenen Wertes, die ein peinlich kokettes Wirkungsmittel überzüchteter Eitelkeit ist und die Goethe wie Schopenhauer als das Kennzeichen von „Lumpen“, qualifizierten. Jarnach ist bescheiden im Sinne des Wartenkönnens auf den Erfolg, den das wohlgewachsene Echte mit der Zeit von selbst auf sich zieht. Ihn reizt es nicht, seinem Werke Geltung zu erzwingen, seine noble Stimme in den kreischenden Chor der Kunstbörsianer zu mischen, die da atemlos die schwankenden Kurse notieren, um jeden Augenblick zu wissen, welche Papiere (lies: Kompositionsmethoden) man sich aneignen muß, um zu gewinnen. Mit diesem Mangel an Wendigkeit, diesem Sich-abseits-Halten vom „Laufenden“ ist heute kein lauter Ruhm zu erwerben. Man vergißt Künstler dieses Charakters sehr schnell. Und so war auch der Komponist Jarnach vergessen worden, Dies um so mehr, als sein Ruf als hervorragender Pädagoge und künstlerischer Organisator erst recht sein verschwiegenes Werk dem Verdachte der Unerheblichkeit ausgesetzt hatte.

Die zweite Ursache der jetzigen Überraschung ist die Einseitigkeit der Entwicklung, die die Musik in den letztvergangenen Jahrzehnten genommen hat. Der jugendliche Freund und künstlerische Gesinnungsgenosse des alternden Busoni gehörte nach dem ersten Kriege zwar zu dem Kreise der damaligen entschlossenen „Neutöner“, die in Donaueschingen die Feste zeitgenössischer Musik ins Leben riefen. Aber der kluge, in der ästhetischen Urteilskraft früh gereifte Musikdenker, der Jarnach immer war, konnte sich auf die Dauer keinem starren Prinzip, keinem Dogma verschreiben, am wenigsten dem der permanenten Revolution als Selbstzweck. Er hatte auch schon damals seine eigene Note, und diese war der Ausdruck des Wissens um die Stabilität gewisser Kunstgesetze; des Bewußtseins davon, daß Substanz und Form als Maßstäbe bestehen bleiben, welchen Veränderungen und Umwälzungen auch die Mittel der Kunst unterworfen sein mögen. Mit anderen Worten: Jarnach war ein Revolutionär – doch nicht auf ewige Verpflichtung und nicht um jeden Preis. Kein Mitläufer, sondern ein Eigener. Das bestimmte seinen Weg. Den Weg in die schöpferische Einsamkeit.

Obendrein ist Jarnach kein Vielschreiber. Seine Devise ist „Multum, non multa“; „Viel, nicht Vielerlei“. In jedem seiner Werke – neben der einsätzigen „Sinfonia brevis“, dem „Morgenklangspiel“, dem „Vorspiel“ und der „Musik um Mozart“ für Orchester vor allem Kammermusik – spricht sich seine ganze Persönlichkeit aus: Noblesse, Wärme, Geistigkeit und – leidet muß es gesagt sein, die diktatorischen Theoretiker des garantierten Fortschritts mögen es nachsichtig überhören! –: Schönheitssinn. Daß Modernität und Ungenießbarkeit nicht notwendig Synonyme sein müssen, dessen ist Jarnachs Musik ein zuverlässiger Beweis. Man mag bedauern, daß er solcher Beweise nicht viel mehr geliefert hat. Er ist dazu bislang nicht recht gekommen, weil er sich stets für andere und anderes aufgeopfert hat. So im Dienst Busonis. indem er dessen „Dr. Faust“ ergänzte; so als Lehrer am Konservatorium in Zürich, an der Rheinischen Hochschule für Musik in Köln und jüngstens mit dem Auf- und Ausbau der Hochschule Hamburgs. Es ist zu wünschen, daß dem Meister – er verdient diesen etwas verbrauchten Titel wie wenige – das anspruchsvolle Amt Zeit genug lassen wird, mit neuen Arbeiten den besagten Überraschungseffekt in die Selbstverständlichkeit eines kontinuierlichen „Daseins“ als schöpferische Erscheinung von beispielhafter Qualität zu verwandeln.