Mit der bloßen Frage, ob wir eine Literatur haben, läßt sich eine fruchtbare Diskussion, wie sie von allen Seiten gewünscht wird, nicht zustande bringen. Wenn ein Haufen Bücher schon eine Literatur ergäbe, hätten wir wahrlich eine. Aber es scheint doch, daß die Masse des Gedruckten nicht ausreicht, um eine Einrichtung zu schaffen, die für notwendig gehalten wird. Wir haben eine feste Vorstellung von dem, was Zivilisation ist. Ihr Mosaik setzt sich aus lauter Perfektionen zusammen. Eine weit verzweigte Verwaltung gehört ebenso dazu wie das Fernmeldewesen. Auch ein Unterrichtssystem und ein durchdachter Kulturbetrieb mit leichtem Zugang zu den geistigen Gütern dürfen nicht fehlen. Musik und Theater sind da, soviel man will, kurzum, für alles ist gesorgt. Nur mit der Literatur will es nicht so recht stimmen. Bücher kommen und gehen, Maßstäbe werden mit großer Beredsamkeit verkündet, das Publikum wird gescholten, sogar die Verleger tun den Mund auf, Organisationen werden geschaffen und straff gelenkt, auf die Woche des Buches folgt das Buch der Woche –, aber alles mündet immer wieder in die stupide Frage, ob wir eine Literatur haben und ob es die richtige ist.

Daß sich dieses Fragespiel unter völliger Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit abspielt, sollte allein schon genügen, um ihm ein Ende zu machen. In unserem Lande ist die Teilnahme am literarischen Leben so gering, daß den Fragestellern das Wort in der Kehle erstarren sollte, wenn sie überhaupt den geringsten Sinn für Maß und Verhältnisse hätten. Man müßte den Mut haben, sich an jene Menschenschicht zu wenden, die man nur noch in ironischen Anführungsstrichen als „die Gebildeten“ zu bezeichnen wagt. Vielleicht ließe sich mit diesem Häufchen ein wenn auch eingeschränktes, so doch echtes geistiges Leben führen. Wer wagt es? Wer unterfängt sich, etwas wiederherzustellen, was es schon einmal gegeben hat und was unter den Schlägen eindeutig böser Mächte zusammengebrochen ist? Keine Sorge, niemand wird diesen Versuch machen wollen, denn wir bauen zwar unsere Häuser wieder auf, weil wir doch irgendwo bleiben müssen, aber die geistige Zerstörung ist sakrosankt. Sie wird, in dem unklaren, aber nicht unberechtigten Gefühl, daß ein Stück Strafe in sie gemischt ist, als unabänderlich hingenommen, und wer sich nicht mit ihr abfinden will oder sie gar beheben möchte, der erhält das Brandmal der „restaurativen Tendenz“ aufgedrückt. So ist der Begriff der Bildung, ohne den keine Literatur möglich ist, zum Schimpfwort geworden, und da wundert sich der Schreibende, daß der Lesende nicht mitmacht. Und so beginnt die Legende, daß wir keine Literatur haben, sich mit Wahrheit zu füllen. Wenn man aus dem kunstvoll zusammengesetzten Bilde unserer Zivilisation das Schrifttum (das Wort ist von Hofmannsthal und nicht von Goebbels) herausnähme, würde niemand es merken. Nur die Manager und die Apparatur, die auf Literatur angewiesen sind, damit ihre Räder sich drehen, würden eine kurze Anwandlung von Leere haben und sich dann schnell nach etwas anderem umsehen, etwa nach Religion oder nach Naturwissenschaften, leicht gemacht. Die Vorkehrungen, die Verlage, die Rundfunkprogramme und die Unterhaltungsmaschinen sind autonom geworden. Sie brauchen ihre Mittel nicht anzuwenden, um den Strom geistigen Lebens zu bewältigen, es ist vielmehr so, daß sie den 3edarf hervorrufen – was nicht ohne Verdienst ist – und daß sie ein Leben, das durchaus nicht fließen will, wenigstens zum bescheidenen Tröpfeln bringen.

Was die heutige deutsche Literatur in die Sackgasse geführt hat, ist der Irrglaube, sich der Gegenwart dadurch aufzwingen zu können, daß man „aktuelle Fragen“ behandele. Selbst wenn dies mit einem Höchstmaß an Talent geschähe, was keineswegs der Fall ist, so wäre die Fehlrechnung, die in dem Begriff der Aktualität enthalten ist, doch nicht aus der Welt geschafft. Denn dieser Begriff ist im deutschen Denken vollkommen verfälscht durch die Politik, die als der Inbegriff der Aktualität auftritt und doch nur ein kleiner Teil von ihr ist. Dabei ist weniger an Bücher zu denken, die ihren Stoff aus der Politik nehmen, fast im Gegenteil, denn ein rein politischer Roman, der die Politik als ein Stück Sittengeschichte behandelt, ist bisher noch nicht geschrieben worden, obwohl das Thema sehr lohnend wäre. Das Unglück besteht vielmehr darin, daß die verschiedenen Ausschnitte des Lebens immer wieder ins Kollektive gerückt werden und alle geschaffenen Figuren mit ihren Konflikten sich gleichen, weil ihre inneren Vorgänge den im weitesten Sinne politischen Konflikten angeglichen werden. Die Gleichschaltung der Problematik ist es, die für Leblosigkeit sorgt.

Was ein strenger Zeitkritiker „das hündische Kriechen der Intellektuellen vor den politischen Begriffen“ genannt hat, ist meist nur die Unfähigkeit, einen Stoff individuell zu ergreifen und zu gestalten. Da wird denn das Publikum getadelt, daß es sich von den Zeitfragen abvende und in die Welt der Illusionen zu flüchten versuche. Aber abgesehen davon, daß der Bereich der Illusionen durchaus eine Realität und der künstlerischen Gestaltung würdig ist, sind die Schriftsteller für diese Flucht verantwortlicher als sie wahrhaben wollen. Denn wenn man auch vom Menschen verlangen kann, daß er der Wahrheit ins Auge sieht und wenn auch keinem Schriftsteller zugemutet werden kann, die Wahrheit mit seinen Zaubermitteln zu verschleiern, so braucht der Leser doch ebensowenig eine willkürliche Auswahl aus den „Zeitfragen“ mehr hinzunehmen. Es ist aber Willkür, eine ganze Skala menschlicher Erlebnisse nur deshalb auszuschalten, weil die langsam über den ganzen Erdball kriechende Kollektivgesinnung sich nicht mit ihnen zu beschäftigen wünscht.

Das eigentliche Verhängnis, das jede künstlerische Leistung bedroht, ist die gauklerische Vertauschung von Masse und Volk. Ein tyrannischer Begriff, dem man nur kriechend Genüge tun kann, wird mit einer verehrungswürdigen Realität verwechselt. Der natürliche Drang, mit dem Volk im Einklang zu bleiben, wird zu einem Dienst am Massenhaften verdorben, obwohl schon längst klar ist, daß mit nichts eine so infame Unterdrückung betrieben werden kann wie mit dem Stichwort von den Massen und ihren angeblichen Bedürfnissen. „Die Gefahr“, sagt Faulkner, „sind die Mächte in der Welt, die heute die Furcht des Menschen dazu ausnützen, ihn seiner Individualität und seiner Seele zu berauben, die da versuchen, ihn durch Einschüchterung und Bestechung zu einer gedankenlosen Masse zu degradieren.“ Es ist ein Schriftsteller, der das sagt, aber leider kein Deutscher. Denn welche Namen diese Mächte auch tragen mögen, sie sind stark genug, der deutschen Literatur Vorsicht einzuflößen und ihr die Hornbrillen zu trüben. Sie geht auf Zehenspitzen, nein, sie kriecht hinter dem her, was sie „die Zeit“ nennt und was häufig nur ein Produkt jener Mächte ist, von denen Faulkner spricht. Es ist eine Untertanenliteratur, und der Herr, vor dem sie sich beugt, ist nicht aus Fleisch und Blut, er ist vielmehr aus den zeitgemäßen Klischees gemacht, die an die Stelle einer echten Wandlung getreten sind. Es sind Klischees, mit denen der Mittelmäßige sich die Kritik vom Leibe hält, mit denen der Dilettantismus jeden künstlerischen Einwand niederschlägt. Wenn einige jüngere Schriftsteller durch „Absage an das Ästhetentum“ die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen, so verbirgt sich dahinter das Bedürfnis, bei ihren Kriechübungen nicht durch die Anwendung von Qualitätsmaßstäben gestört zu werden. „Nein“, ruft da einer von ihnen in einer Zeitschrift auf, „Schriftsteller wollen, sofern sie sich ihrer Sache bewußt sind, nicht in erster Linie nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden. Kriterien – ihres Stils sind Klarheit, Deutlichkeit und Lebendigkeit. In ihrem Gefolge stellt sich Schönheit unaufgefordert ein.“ Also auch Schönheit muß dabei sein, aber unaufgefordert, die Arme! Sie darf zur Hintertür hereinschlüpfen, denn ein bißchen Schmuck kann ja nicht schaden. So kommen die Verzierungen zustande, die eben erst im Sturm der Zeit abgebrochen waren.

Es ist schon lange sinnlos geworden, nach den künstlerischen Gesetzen dessen forschen zu wollen, was heute geschrieben wird. Furchtbare Erlebnisse, düstere Erfahrungen, Schulddes Volkes, Schuld des einzelnen und schließlich eine soziale Ordnung von höchster Anfechtbarkeit bilden den einschüchternden Hintergrund oder Inhalt dieses Zeiterlebnisses. Aber darum darf diese Realität doch nicht zu einer Art von Erpressung werden, die dem jeweiligen schriftstellerischen Ausdruck eine Geltung erzwingt, zu der er seinem Wert nach oft nicht berechtigt ist. Keine persönliche Erfahrung noch so tragischer Art reicht allein aus, um ein Kunstwerk zu schaffen. Es ist auch nicht erlaubt, solche Erfahrungen nach Gesichtspunkten der Aktualität stufen zu wollen. Der menschliche Schmerz ist unteilbar. Ob ein Mann sein Kind durch eine Hirnhautentzündung in der Schweiz oder durch eine Bombe in Dresden verloren hat, es ist das gleiche Leid. Daß der Getroffene im ersteren Fall nicht „mitreden“ kann, ändert nichts an seinem Erlebnis. Sein Erlebnis ist vielleicht nicht literaturfähig, aber was liegt schon daran! Die Zeit hat einen breiten Rücken, ihr wird vieles aufgepackt, was der Mensch allein nicht tragen will.

Unter welchem Unstern die Menschen von heute auch leben mögen, wie bedrückend unsere jüngste Vergangenheit auch sein mag, welche Macht den Massen von denen, die sich ihrer bedienen, auch zugesprochen wird, die literarische Kritik kann durch diese Umstände gewiß nicht entwaffnet werden. Wer einen schlechten Roman über die Flüchtlinge schreibt, hat nicht das Recht, sich dem sachlichen Urteil durch einen bewegten Hinweis auf das Elend dieser Gruppe von Mitmenschen zu entziehen. Er kann uns vielleicht durch demagogische Anspielungen zum Schweigen bringen, und er tut es wohl auch, aber er darf darum nicht glauben, daß er etwas Gültiges geschaffen und dem Volk gedient habe, weil er sich durch den Bezug auf eine böse Aktualität gegen literarische Maßstäbe abschirmt. Die Bitternisse unserer Epoche werden zu Schlagwörtern, die an die Stelle von Ideen treten. Ideen kann man verehren. Vor Schlagwörtern kann man nur kriechen. Nur nicht anstoßen, nur nicht unbefangen scheinen! Hier breitet sich ein Konformismus aus, der die Zaghaften lähmt und die Unbedenklichen einlädt, sich von unseren Nöten tragen zu lassen. Ein großes Problem ergibt noch kein großes Werk, und eine soziale oder sittliche Situation, die uns alle angeht, sichert dem Buch, das sich mit ihr beschäftigt, nicht ohne weiteres Allgemeingültigkeit. In vier vollendeten Verszeilen kann mehr Gegenwärtigkeit enthalten sein und mehr für den Menschen getan werden als in vielen Seiten eines Stoffes, der uns wehrlos macht, weil wir weder die innere noch äußere Freiheit haben, ihn zu diskutieren.

Es gibt in unserer heutigen Literatur weder den Generationskampf noch Gegensätze der Ideen. Der Versuch der jüngeren Literatur, sich in eine Opposition geistiger Art hineinzureden, wäre auch dann zum Scheitern verurteilt, wenn er mit größerem Schwung und ein wenig, polemischem Talent betrieben würde. Jung oder alt, es sind alles ganz brave Leute, die nur darauf bedacht sind, auf der richtigen Seite zu stehen und zu etwas zu gehören. Wer nicht, „engagiert“ sein will, dem bleibt immer noch der Ausweg, sich in die Welt eines Wiechert zu flüchten und sich dort Lebensrezepte zu holen, die verwirren, was schon verworren ist, die trüben, was schon der Klarheit entbehrt, und die der wachsenden religiösen Unfähigkeit der Menschen durch ein gefährliches Symbolspiel mit dem Namen Gottes entgegenkommen. Das ist in der Tat die Alternative: entweder der „Tatsachenroman“, das Produkt eines Journalismus, der sich nicht kurz fassen kann, oder die gefühlsselige Anweisung zum „einfachen Leben“, das Produkt eines Predigertums, das den Menschen der Mühe enthebt, sich um Glaubensobjekte zu mühen.

Man möchte glauben, daß es Sache des Künstlers, also auch des Schriftstellers sei, den Menschen vor dem Aufgehen in der Masse zu retten und so der Humanität zu ihrem. Recht zu verhelfen. Man möchte es, aber darf man es? Das Gesellschaftswidrige, das Thomas Mann als Wesen des Künstlers zu bezeichnen einst den Mut hatte, fordert die denunziatorische Tendenz heraus, die heute jeder Literaturbetrachtung anhaftet. Da heißt es vorsichtig sein, denn sonst ist man gleich ein Ästhet oder hat gar noch Schlimmeres auf dem Kerbholz. Die Schriftsteller unseres Landes organisieren sich fleißig und gaben sich Geschäftsführer, die darüber zu wachen haben, daß niemand gegen das soziale Gewissen verstößt oder sich „zeitfeindlich“ zeigt. Der Drang zu Zusammenschlüssen verrät eine gewisse Neigung, die Sphäre der persönlichen Freiheit freiwillig einzuschränken und die eigene Entscheidung an die in der Leitung von Vereinen geübten Manager des Literaturbetriebes zu delegieren. Die Gruppenbildung, die mehr und mehr unsere Politik bestimmt, macht sich auch im geistigen Leben bemerkbar. Querköpfe und Einzelgänger sollen sehen, wie sie fertig werden. Wenn sie es gar zu persönlich treiben und um keinen Preis mitkriechen wollen, kann man ihnen ja immer noch politisch kommen und ihnen mit den allmächtigen Schlagwörtern auf die Finger klopfen.

So erledigt sich die Frage, ob wir eine Literatur haben, ganz von selbst. Soweit das Schreiben eine Kunst ist, gehört eine gewisse Isoliertheit zu ihrem Wesen. Wer wagt noch, dies Abseitsstehen auf sich zu nehmen? Der gestaltende Mensch ist allein, solange er gestaltet. Sein -Verhältnis zur Gegenwart als Stoff ist stets mittelbar. Die Persönlichkeit allein entscheidet, aber es ist ein Risiko, sich zu ihr zu bekennen. In diesem Bekenntnis liegt nämlich nichts Neues; es fügt der Aktualität nichts hinzu, denn – wie Goethe zu Grüner sagte – „es kann nichts Neues ausgedacht werden, was auf den sittlichen Menschen Bezug hat“.