In katholischen Ländern und Gebieten hat auch das Theater seine kirchliche Tradition. Wo aber die Reformation durchdrang, war das kultische Drama verpönt; das „Oratorium“ trat an seine Stelle. Sänger und Instrumentalisten auf der Orgelempore statt des augenfälligen Spiels vor dem Altar oder auf der Kirchentreppe. Das Theater dagegen wurde eine ganz und gar profane, das heißt: eine bloß künstlerische Angelegenheit.

Das Ergebnis: wie einst Calderon und Lope, können heute die geistlichen Dramen Claudels, Hofmannsthals, T. S. Eliots, auch Christopher Frys ohne weiteres als kultische Spiele gegeben werden, während sich im Bereich der evangelischen Kirchen das bisher kaum recht gestellte, geschweige gelöste Problem des „religiösen Dramas“ geltend macht. Als Versuch einer positiven Antwort verdient eine Darbietung Aufmerksamkeit, die zunächst in zahlreichen Städten des Bundesgebiets gezeigt werden und dann dem Stuttgarter Evangelischen Kirchentag eine szenische Note geben soll: die Aufführung des tragischen Spiels „Die goldenen Jahre“ von Hermann Gressieker durch das Hamburger evangelische Schauspiel-Studio „Der Vorstoß“ (das zuvor durch eine Tournee mit Fodors „Gericht bei Nacht“ auf sich aufmerksam machte.

Gressiekers scharf gedachtes und präzis formuliertes Szenarium vom Scheitern Senecas und seines kaiserlichen Zöglings Nero in dem Bemühen, durch notwendige Gewalttaten „goldene Jahre“ für die Bevölkerung des Römischen Reiches heraufzuführen – ein „Festspiel“ ist es ganz und gar nicht. Eher ein heftiger Anstoß zum Nachdenken über die Frage, warum wohl auch das Christentum in den neunzehnhundert Jahren seit Neros Katastrophe sowenig hat tun können, daß der unendliche Abstand zwischen der Idee des irdischen Gottesreiches und der politischen Wirklichkeit sich verringert. Gressieker antwortet indirekt: indem er Senecas Prinzipien und Neros gute Impulse als die typischen Prinzipien und Impulse von Staatsmännern jeder Zeit beschreibt. Es ist also wirklich ein tragisches Spiel, zwar nicht so sehr dramatisch als dialogisch und insofern dem Oratorium verwandter als dem kirchlichen Bühnenspiel –, aber eben gerade in dieser Zwischenform gut geeignet für ein Publikum, das mehr denken als schauen will. Wenn nur der Regisseur (Harald Röbbeling) nicht auf den Einfall gekommen wäre, den Darstellern Operngesten zu empfehlen, statt sie vom Wort aus die Gebärde finden zu lassen.

C. E. L.