Es ist lange her, so schrieb neulich ein geistvoller Experte für Kulturgeschichte, daß die Gaukler und Kleidermacher zum niederen Hofstaat gehörten und in der Küche aßen. Augenblicklich, so scheint es, beherrschen die Modekünstler die Gesellschaft und haben den Vorrang noch vor den Filmstars. Wenn sie ein Fest geben, drängen sich zu ihnen die echten und falschen Prinzessinnen, abgedankten Könige und Snobs der Welt, die sie anziehen und unterhalten. Ihre Auftraggeber und Mäzene aber sind die Baumwoll-, Nylon- und andere Industriekönige. Sie diktieren bis in das letzte Dorf, was die Menschen anziehen und wie sie aussehen sollen: sie diktieren den Schnitt der Kleider und der Haare, die Farbe, die Musterung der Stoffe, die Art des Schmucks. Seit die Mode wieder die Betonung des Weiblichen, des Zarten und des Glänzenden liebt, wurden ganze Industrien wieder belebt, die bis dato daniederlagen: Die Spitzenmetropolen von Brüssel und Calais bis Krefeld und die Hersteller von falschen Perlen und glitzernden Steinen sind emsig wie noch nie.

Im kommenden Winter will die Mode noch zerbrechlichere, noch beschwingtere und „gekurvtere“ Frauen sehen als bisher, aller Emanzipation und berufstätigen Selbständigkeit zum Trotz. Die Röcke wurden bei Dior um zehn Zentimeter länger. Dieser immer noch tonangebende Grand Maestro du Festival de la Couture“ hat sich, wie es in Frankreich hieß, „durch die von der Technik entwickelten Formen der Autos und Düsenjäger“ inspirieren lassen und verlangt die Stromlinienform der „Rakete“, aber „Zoll um Zoll weiblich und fast erotisch“, wie er selbst schreibt. Die losen Mäntel kommen dieser Form am nächsten, vor allem auch die Röcke. Sie sind weit oder eng; aber wenn sie eng sind, dann haben sie „geraffte Weiten“ hinten oder seitlich, so daß sie beim Gehen wirken wie „Wasserstrahlen, die vom Winde fortgetragen werden“. Die Taille bleibt an ihrem natürlichen Platz, trotz mancher Experimente, die die Gürtellinie gewaltsam auf die Hüften versetzen und damit die Linie revolutionieren wollen. Aber die Oberteile werden wieder aufgeblasener, im Rücken hängend.

Die Stoffe, besonders der Kleider für den Nachmittag und Abend, waren seit Jahrzehnten nicht so gleißend und schwellend prunkvoll wie in diesem Jahr; ganze Kollektionen opalisierend wie die Schuppen der Fische und getönt wie die Fauna und Flora des Meeresgrundes an der Côte d’ Azur. So wenigstens sah man es in Paris. Auch die Futterstoffe der Mäntel und Jacken waren aus leuchtendem und kostbarem Material und könnten dazu verführen, das Innere nach außen zu kehren. Hubert de Givenchy, der jüngste der Pariser Couturiers, der sich im vorigen Jahr mit seiner ersten Kollektion schlagartig nach vorn drängte, ist diesmal von den schlichten Baumwollstoffen, durch die er bei seinem Debüt verblüffte, ganz abgegangen. Schlicht ist bei ihm nur noch der Schnitt, klassisch einfach die Linie, aber ungeheuer luxuriös sind die Stoffe, die er wählte: Druckstoffe trugen alle Farben eines Chrysanthemengartens oder die Tönungen und Zeichnungen von Tieren, von Katzen, Füchsen, Bibern und Nerzen. Schwere handgewebte Gobelinstoffe prahlten mit alten spanischen Mustern. Eine weiße hauchzarte Abendrobe, die über und über mit echten Perlen bestreut war, deutete am deutlichsten an, daß er – so hieß es in Paris – nur noch gewillt sei, Prinzessinnen einzukleiden, denen ein Ölmillionär und sein Budget zu Füßen liegen.

Zur selben Zeit, als in Paris jenes Perlenkleid vorgeführt wurde, das die Herzen der Zuschauerinnen dieser exklusiven Schau höher schlagen ließ, schlugen an manchen anderen Plätzen die Herzen vor Angst, drängten sich hungrige Kinder an müde Mütter. Aber bis in die fernsten Winkel der Welt fällt noch ein Abglanz dieses Festival der Mode, das trotz großer Hitze in Paris den nahenden Winter verkündete. Abgewandelt und vereinfacht, weitergetragen über die Modesalons in die Kaufhäuser und auf die Straßen, wird die in Paris diktierte „neue Silhouette“ die Frauen verwandeln. Und selbst diejenigen Frauen, denen Dior und de Givendy schlecht befehlen können, weil sie ihr Fähnchen selber nähen, werden einen modischen Stoff erstehen oder wenigstens die Säume der alten Kleider auslassen und heimlich vor dem Spiegel den neuen Anblick verführerischer Anmut ausprobieren. EM