Von Leonhard Frank

Der Würzburger Leonhard Frank, Dichter der „Räuberbande“ und des „Ochsenfurter Männerquartetts“, der seit 1950 wieder in Deutschland lebt, wird am 4. September 70’ Jahre alt. – In der Nymphenburger Verlagshandlung erscheint sein autobiographischer Roman „Links wo das Herz ist“, der die folgende Betrachtung enthält.

Der Autor soll im Roman keine Meinung äußern, er soll hinter seinem Werk stehen. Philosophische Abhandlungen gehören nicht in den Roman. Wer philosophische Abhandlungen lesen will, geht zu den Philosophen. Der Schriftsteller, der unbeantwortbare Fragen – wie die, ob Gott oder der Teufel Inspiration spenden – im Roman zu beantworten sucht, in Form philosophischer Abhandlungen, offenbart einen Mangel an Gestaltungswillen oder Gestaltungskraft und bleibt der Kunst allzuviel schuldig. Die Philosophie eines Romans muß im gestalteten Ganzen enthalten sein. Der Romanschriftsteller sollte nicht tiefer sein wollen, als der Mensch und die Welt sind.

Wenn der Romanschriftsteller auf Inspiration warten wollte, würde er nie ein Werk vollenden können. Inspiration ereignet sich selten und nie ohne Zutun des Autors, sie ereignet sich während der Arbeit durch Arbeit. Wenn sie sich ereignet, wenn auf diese anstrengende Weise etwas „einfällt“, muß die Goldader des Einfalls von unbrauchbaren Gefühlswolken und -schlacken befreit werden, und du mußt in der Regel zuerst Seiten und Seiten schreiben, um den gereinigten Einfall, der nur an der einzig richtigen Stelle zur Goldader wird, anbringen zu können. Inspiration ist ein Geschenk, das erst durch zähe Sitzfleischarbeit ein Geschenk wird.

Äußere Handlung, spannende Ereignisse, wenn sie des Themas wegen nicht zu vermeiden sind, dürfen im Roman nicht mehr Bedeutung haben als die aus den Tuben auf die Palette gedrückten Farben, die der Maler für das Bild benutzt.

Selbst die vollendete Gestaltung der handelnden Personen ist noch nicht Kunst. Kunst ist das Nichtgesagte und auf geheimnisvolle Weise dennoch Gesagte, das ohne Worte zwischen den Zeilen mitschwingt und über den kontrollierenden Verstand hinweg Gefühl erzeugend ins Gefühl des Lesers trifft. Viele Schriftsteller haben den Satz geschrieben, „Der Himmel war blau“. Es ist große Kunst, wenn sich vor dem Lesenden plötzlich das blaue Himmelszelt auftut. Das kann sich ereignen, wenn der einfache Satz „Der Himmel war blau“ an der einzig richtigen Stelle der Landschaftsschilderung steht. Eine halbe Zeile zu früh oder zu spät sind es vier nichtssagende