Von unserem Korrespondenten

R. St. Bonn, Anfang September

Der wirtschaftliche Wiederaufstieg der Bundesrepublik hat manche allzu optimistische Prognose hervorgelockt. Solch übertriebener Optimismus (vielleicht ist es in manchen Fällen nur ein Zweckoptimismus) könnte durch den Bericht, den die Bundesregierung an die OEEC, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa, gerichtet hat und der von der wirtscha tlichen Lage der Bundesrepublik handelt, auf das richtige Maß zurückgeführt werden. Zu einer solchen Richtigstellung könnten schon die einleitenden Vergleichszahlen des Berichtes manchen erschreckten Betrachter. des deutschen "Wirtschaftswunders" anregen. So hat Mitte 1952 das Produktionsniveau der Bundesrepublik 112 v. H. des Standes von 1938 erreicht, das der übrigen OEEC-Länder aber 145 v. H., das Sozialprodukt ist 2394 DM je Kopf der Bevölkerung, in den anderen OEEC-Ländern 2770 DM, die Verbrauchsquote rund 59 v. H. der im Inland verfügbaren Güter und Dienste, in den übrigen OEEC-Ländern fast 67 v. H. Und unser Anteil am Welthandel betrug 1951 nur 4,5 v. H. gegen 7,5 v. H. im Jahre 1938.

Es gibt Leute, die behaupten, in der deutschen Produktionskapazität stecke noch eine ungeheure Reserve. Sie scheint ihnen nicht zuletzt in der Arbeitslosenziffer enthalten zu sein. Aber sie übersehen die durch politische Ereignisse bedingte besondere Struktur unserer Arbeitslosigkeit. Ein sehr großer Teil dieser Arbeitslosen kommt, wie der Bericht hervorhebt, aus "objektiven und subjektiven Gründen" für eine dauernde Beschäftigung nicht mehr in Frage.

Da gibt es weiter die viel zu optimistischen Voraussagen über die zu erwartende "Wachstumsrate". Die "drei Weisen" wollten sie durchaus auf 6,5 v. H. im Jahr für den Zeitraum 1951/52 bis 1953/54 im voraus festlegen. Der Bericht der Bundesregierung kommt, gestützt auf die Zuwachsraten des Volumen-Indexes der industriellen Produktion, zu wesentlich niedrigeren Schätzungen: 4 v. H. und 4,1 v. H.

Die vielfach sehr einseitige Beurteilung unserer Zahlungsbilanz wird in dem Bericht durch den Hinweis korrigiert, daß sie zu einem erheblichen Teil durch die aus spekulativen Gründen erfolgte Einschränkung der Importe bedingt sei. Es werde sich deshalb voraussichtlich bereits in Kürze ein beträchtlicher Aufholbedarf ergeben und dementsprechend eine starke Anforderung an unser Devisen-Portefeuille.

In dankenswerter Ausführlichkeit nimmt der Bericht auf die durch die schwierige Situation Berlins bedingte Belastung der Bundesrepublik Bezug und verweist auch auf die auf alliierter Seite nicht immer genügend anerkannte Erschwerung unserer Situation durch die Unterbindung des Ost-West-Handels. Sehr freimütig behandelt der Bericht die Voraussetzungen für eine echte internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit: den Übergang zur Konvertibilität der europäischen Währungen untereinander sowie mit dem Sterling und dem Dollar, die Angleichung der Währungs- und Finanzpolitik der OEEC-Länder, die Steigerung der Produktion und so fort. Für die internationale Diskussion, die um die Klärung der gegenseitigen Möglichkeiten im Rahmen der OEEC bemüht ist, könnte dieser Bericht ein wichtiger Beitrag sein.