Der Außenhandel Frankreichs schwankt zwischen Liberalismus und Einfuhrplanung

W. B., Paris, im September

Frankreich war eines der ersten unter den vom Krieg heimgesuchten Ländern Westeuropas, das seine Handels- und Zahlungsbeziehungen im Rahmen der OEEC von den Fesseln der Kriegswirtschaft zu befreien versuchte. Solange die Nachholkonjunktur am eigenen Markt und in den europäischen Absatzländern der französischen "Union" anhielt, wirkte sich die 1949 erreichte 75prozentige Liberalisierung der französischen Einfuhren bei Fertigwaren eher in einer Belebung des Inlandsgeschäftes, als in einer Beeinträchtigung des Absatzes inländischer Waren durch verstärkte ausländische Konkurrenz aus.

Die relative Stabilität der Preise in 1949 und 1950 verstärkte die Inlandsnachfrage, gleichzeitig aber auch den Export, insbesondere von Automobilen, Maschinen, chemischen Produkten, Glaswaren und Textilien. Stapel- wie Luxuswaren französischen Ursprungs verschafften sich in diesen Jahren der zunehmend durchgeführten Liberalisierung einen Teil jener Weltgeltung, die sie im Kriege zwangsläufig verloren hatten. Das Prinzip des do ut des gegenüber allen Handelspartnern, durchaus nicht nur gegenüber den OEEC-Ländern, wurde zum Leitmotiv der französischen Außenhandelspolitik. Seine kommerziellen und finanziellen Auswirkungen zeigten-sich nicht zuletzt im Handel und Wandel mit Ländern harter Währung, also mit der Dollarzone, mit der Schweiz und (nach der Geldreform) auch mit Westdeutschland, jenem traditionellen Lieferanten und Kunden der "Union Française".

In Frankreich bedarf es gewiß keiner staatlichen Propaganda oder gar eines politischen Zwangs, um die Wirtschaft zu dieser liberalen Grundeinstellung zu bekehren. Die Abneigung gegen jede staatliche Einmischung, und vor allem gegen jede statistische Lenkung in der Außenhandelspolitik, ist hier in Industrie und Handel und sonderlich bei jenen tausenden kleiner und mittlerer Unternehmen so tief verwurzelt, daß Produktion und Güterverteilung, Inlandsabsatz und Außenhandel, Import wie Export nur in einer Atmosphäre der Freiheit gedeihen können, die allerdings einer gewissen Selbstdisziplin nicht entraten kann. Beinahe alle Errungenschaften, die Frankreich in dieser glücklichen Periode dreijähriger Liberalisierung auf dem Gebiete des Außenhandels mit der Aktivierung seiner Zahlungsbilanz verbuchen konnte, sind durch die Vernachlässigung des Kampfes gegen die Inflation am Binnenmarkt verloren gegangen. Als man die Gefahr endlich begriff – Camille Gutt hatte schon, 1949 nachdrücklichst auf den "öffentlichen Feind Nr. 1", die Inflationsgefahr, hingewiesen – war es beinahe zu spät. Heute gehört, bis auf geringe Reste, das alles der Vergangenheit an: die Auflockerung der Einfuhren, der "sichtbaren" wie der "unsichtbaren" (Freiheit des Touristenverkehrs), die erstaunlich weitgehende Freizügigkeit für das hier investierte Auslandskapital (einschließlich gewisser Altguthaben), die vor einem Jahr verfügten geradezu generös anmutenden Bestimmungen des Devisenamtes über die Gewährung von Dollar- und anderen Währungsrückvergütungen an die Exporteure (Devisenbonus), und, vor allem: das Gegenseitigkeitsprinzip im Außenhandel.

Warum es soweit kam? Nun: die 50prozentige Preissteigerung, die seit dem Beginn des Jahres 1950 fast alle Agrar- und Industrieprodukte nicht nur für den Inlandsabsatz, sondern auch für den Export zu teuer machte (weil nämlich gleichzeitig die Kaufkraft der Verbraucher durch "Festhalten" der Löhne und Gehälter sank) und die Tatsache, daß die Auslandsmärkte – gerade unter dem Einfluß der vorausgegangenen Periode der Importauflockerung – erstmals einen deutlichen Grad der Saturierung erreichten, das wirkte zusammen und führte eine Absatzkrise. herbei, die durch Pinays Preissenkungsaktion naturgemäß noch verstärkt wurde. Der Devisenschwund, unter dem der französische Stabilisierungsfonds seit über einem Jahr leidet, wurde allerdings nicht nur durch diese Entwicklung der "Terms of Trade", sondern auch durch legale (oder illegale ...) Kapitalexporte beschleunigt. Erst die einstweilige Stabilisierung des Preisgefüges und der Währungskurse, einschließlich des freien Pariser Goldmarkts, die seit Mitte Februar als erfreuliches Fazit des "New Deal" Antoine Pinays zu verzeichnen ist, vermochte dem Aderlaß der Gold- und Devisenreserven Einhalt zu gebieten. Nichts wäre logischer, als daß Frankreich, da es seine innere Sanierung mit den klassischen Mitteln der Marktwirtschaft anbahnte, die gleichen Verfahren nun auch im Bereich der Außenhandels- und Zahlungsbeziehungen anwendete. Hier nun stößt sich der zweifelsohne vorhandene Wille zur Reliberalisierung an einer unter den heutigen Umständen fast paradox anmutenden reaktionären und merkantilen Haltung gewisser Industriekreise. Daß gerade die Kreise, die sich, in der Zeit der eigenen Einfuhrbefreiungen, nicht genug über den "Protektionismus der anderen" beklagen konnten, jetzt einer 100prozentigen Dauerrestriktion und einer Erhöhung der Zollmauern das Wort reden, führt zu einem geradezu tragischen Rückschlag in der Entwicklung Frankreichs zu einem der führenden Industriestaaten der Welt. Gewiß sind die Großindustrien auch in Frankreich von modernem Geist erfüllt. Sie denken und handeln weltweit. Sie sind international gebunden; sie sind jedem Fortschritt, auch auf kommerziellem Gebiet, zugetan, und sie exportieren auch weiter, trotz aller Preissteigerungen und ohne durch die ausländische Konkurrenz stärker als vor dem Kriege beeinträchtigt zu werden. Diejenigen Kreise der Land- und Industriewirtschaft aber, deren Unfähigkeit, die eigenen Gestehungskosten systematisch herabzusetzen, gerade jene Absatzkrise "daheim und draußen" mit herbeigeführt hat, fordern diktatorisch die dauernde Schließung der Grenzen ...

Wozu dieses ewige Schwanken zwischen Einfuhrliberalismus und Dirigismus führt, geht allein aus den handelspolitischen Rückwirkungen der französischen Textilkrise hervor. Seit Anfang April wird das sogenannte "Cottonadenproblem", d. h. die strikte Weigerung der französischen Regierung, die auf der ehemaligen Freiliste der OEEC figurierenden Baumwollgewebe in nennenswerten Mengen nach Frankreich einzuführen, durch die sachverständigen Gremien der "Europäischen Wirtschaftsorganisation" von allen Seiten durchleuchtet und heftig diskutiert. Bisher war es noch nicht einmal jenem neu konstituierten "Comité de Direction des Echanges", in dem Freiherr von Maltzan Westdeutschland vertritt, möglich, den einseitigen Standpunkt der französischen Neoprotektionisten mit den berechtigten Baumwollausfuhr-Interessen der übrigen ERP-Länder in Einklang zu bringen und Frankreich davon zu überzeugen, daß es seine Sperrmaßnahmen am 1. Oktober auflockern müsse, nicht aber seinen Handelspartnern weitere Textilbeschränkungen auferlegen könne. So droht denn ein an sich handelspolitisch beschränkter Konflikt das gesamte Werk einer dreieinhalbjährigen Liberalisierung der Einfuhren bis zu 75 v. H. durch die verstärkten Monopoltendenzen am französischen Binnenmarkt, eine Kontingents- und Schutzzollpolitik im Außenhandel, aber auch durch jene Wiedereinführung von Exportsubventionen zu erschüttern, die so verzweifelt an gewisse Ausfuhrdumping-Methoden der Vorkriegszeit erinnern.