Eine der merkwürdigsten Illusionen unserer so ausschweifend illusionsfreudigen Zeit offenbart sich in der Behauptung, der "Mensch von heute" zeichne sich von dem Menschen früherer Epochen durch betonte Sachlichkeit aus. Angesichts der Überheblichkeit, die sich mit dieser Behauptung gemeinhin verbindet, lohnt es sich, einmal das Gegenteil zu beweisen, zumal es dazu keiner großen Anstrengung bedarf.

Sofern das Schlagwort "Sachlichkeit" überhaupt einen Sinn haben sollte, könnte es nur der sein, daß es bedeutet: jede Sache ihrem Wesen gemäß aufzufassen, anzupacken oder, auszuführen. Außerhalb der Technik (deren Apparaturen bei unsachlicher Behandlung sofort lahmgelegt wären) geschieht das heutzutage fast in keiner einzigen Angelegenheit. Am wenigsten auf geistigem Gebiete. Man geht zum Beispiel ins Konzert, nicht um ein Werk der Musik zu hören, sondern um einen sagenumwobenen Interpreten zu sehen. Man interessiert sich für eine Berühmtheit viel weniger ihrer sachlichen Leistung wegen als wegen des privaten Klatsches und Tratsches, den der Starkult um die Person herum verbreitet. Man setzt bereits als selbstverständlich voraus, daß kein Rundfunkhörer einem ernsthaften Vortrag oder einem Reisebericht, sei die Sache so interessant wie sie wolle, geduldig zu folgen gesonnen sein wird, wenn nicht ganz sinnlos mitten im Satz sich ablösende Sprechstimmen akustische Abwechslung bieten oder eine naive Geräuschkulisse die jeweilige Situation nach Kinderart "sinnfällig" macht. Dagegen: wo Illusion (die ja in den gedachten Fällen, wo sie gänzlich unsachlich ist, bezweckt wird) zum Wesen der Sache gehört, da wird sie ausgeschaltet. So etwa in romantischen Opern, deren Musik aus romantischen Empfindungen und aus der Vorstellung romantischer Naturerlebnisse, aus Gedanken an landschaftliche Eindrücke und romantische Seelenzustände erwachsen ist. Solche Werke werden mit Vorbedacht so inszeniert, daß alle Illusionen in der Richtung jener Anregungsquellen ausgeschaltet sind, so daß die dazugehörige Musik beziehungslos, sinnentleert in der Luft hängt. Aber hier ist man plötzlich gegen die Illusion, man findet es "sachlich", in illusionistischen Kunstwerken um jeden Preis Illusion zu vermeiden. Das erinnert an das bekannte Naturphänomen, daß das Pferd vor dem Kamel scheut, weil es in ihm eine Karikatur seiner selbst zu erblicken glaubt. Der heutige Mensch, der bis oben hin mit Illusionen angefüllt ist (man blicke nur auf die Politik!) scheut vor der Illusionsbühne. Oder ist es eben einzig und allein der Wille zur Unsachlichkeit? Der Wille, der stets gegen das Wesen der Sache gerichtet ist? Das Rundfunkbeispiel spricht für diese Diagnose.

Aber sachliche Fragen dieser Art aufzuwerfen, eine sachliche Antwort darauf zu suchen, ist im Zeitalter der vermeintlichen Sachlichkeit höchst unbeliebt. Jeder nimmt "seine" Sache durchaus für sich allein in Anspruch. Darum blüht auch – als weitere Ursächlichkeit – das Messen mit zweierlei Maß. Wer in unseren Tagen irgend etwas Neues unternimmt, eine neue Kunstrichtung kreiert, einen neuen Stil propagiert oder was es auch immer sei, pflegt in seiner Argumentation gegen das, was er für "überholt" und "veraltet" hält, nicht eben schüchtern zu sein. Vielmehr tritt alles Neue heutzutage ausgesprochen aggressiv auf und spart nicht mit verächtlichen Vokabeln wie "gestrig", "bärtig", "verlogen" (alles Frühere soll immer verlogen sein), "versumpft" und so weiter. Wird aber mit gleicher Münze heimgezahlt, so erhebt sich ein Wehgeschrei über "Gehässigkeit", "Unduldsamkeit" und – selbstverständlich, da man selbst ja so sachlich ist – "Unsachlichkeit". Dabei ist Schärfe an sich kein Gegensatz zu Sachlichkeit, sofern sie ihre Begründung nicht schuldig bleibt. Die Sache kann sogar verlangen, daß etwaige Kritik an ihr mit aller Nachdrücklichkeit und so wirksam wie möglich vorgetragen wird. Es ist eben wiederum ein Symptom unserer unsachlichen Zeit, daß sie, die in ihrer ganzen Haltung erbarmungslos, rücksichtslos, angreiferisch, pietätlos bis zur Pöbelhaftigkeit ist, in der Polemik – Verlogenheit fordert; mindestens Heuchelei; jedenfalls übertriebenes Zartgefühl. Die Sache der totalen Bestialität, erfordert anscheinend den "guten Ton" als Lendenschurz, als Requisit der vollkommenen Illusion.

Hieß es einmal "Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist", so muß es heute, sehr viel allgemeingültiger, heißen; im zeitüblichen Sprachgebrauch lügt man, wenn man "sachlich" sagt. Man verabscheut wahre Sachlichkeit, wie nie zuvor, und deshalb führt man sie beständig im Munde, um sie auf diese Weise da, wo sie nicht ist, vorzutäuschen, und da, wo sie hingehört, unschädlich zu machen Der heutige Mensch zeigt sich krampfhaft entschlossen, in ungestörter Illusion über sich selbst zu leben. Er fürchtet offenbar nichts so sehr wie den Anblick seiner wahren, schiefen Gestalt. Er spielt unausgesetzt echte romantische Oper, und zwar mit ausschweifend dekorierter, prächtiger Illusionsbühne.

Begreiflich – aber in diesem Falle nicht sachlich... Walter Abendroth