Seit langem hat kein Vorgang in Westeuropa die Drahtzieher des Kremls so in Harnisch gebracht, wie die bevorstehenden Flottenmanöver der NATO in der Ostsee. Die Intensität der Angriffe, mit denen die Prawda und der Moskauer Rundfunk sowie die kommunistische Presse Dänemarks die Vorbereitungen zu den Flottenübungen begleiten, nimmt an Stärke zu, je näher der 13. September, der Tag des Beginns der Operationen, heranrückt. Es ist besonders das dänische Kommunistenorgan "Land und Volk", das sich zum Sprachrohr des sowjetrussischen Unwillens macht. Es stehe im Widerspruch zu den nationalen Interessen Dänemarks, so heißt es in dieser Zeitung, wenn die Insel Bornholm mit den umliegenden Gewässern für die "militärische Abenteuerpolitik" der Atlantikpaktmächte, zur Verfügung gestellt würde. Darin müsse eine nicht ungefährliche Provozierung der Sowjetunion erblickt werden. In der ganzen Agitation tritt immer unverhüllter der sowjetische Standpunkt zutage, daß die Ostsee ein mare nostrum der Sowjets sei.

Vor zehn Jahren noch betrug die Entfernung zwischen Dänemark und den sowjetischen Basen bei Leningrad weit über tausend Kilometer; in der Folgezeit jedoch wurde im Zuge der russischen Expansionspolitik diese Distanz immer kleiner. Von Kronstadt bis zur Insel Rügen wurde ein Flottenstützpunkt nach dem anderen errichtet, und von den Basen an der deutschen Ostseeküste aus ist Dänemark schon durch mittelschwere Artillerie leicht zu bedrohen. Offenbar betrachten die Sowjets die Tatsache, daß der Raum von Baltischport und Porkkala vor den Toren von Helsinki zu einer gewaltigen, den ganzen Bottnischen Meerbusen beherrschenden Seefestung geworden ist, nicht als militärische Bedrohung des Westens.

Besonders aufgebracht zeigt sich die Sowjetunion darüber, daß die Insel Bornholm in die Manöver einbezogen werden soll. Man erinnert Dänemark daran, daß Bornholm 1945 von der Roten Armee "befreit" worden sei und daß Dänemark 1946 die Zusicherung gegeben habe, Bornholm werde niemals fremden Truppen zur Verfügung gestellt werden. Die geschichtliche Wahrheit aber ist, daß die Sowjets ganz aus eigener Initiative die Insel, die unter dem deutschen Kommandanten von Kamptz auch nach der Waffenstreckung auf allen übrigen Kriegsschauplätzen im Mai 1945 noch Widerstand leistete, kurzerhand besetzten. Noch lange danach, als die Engländer Dänemark verlassen hatten, verblieben die Rotarmisten auf Bornholm und zogen erst nach diplomatischen Vorstellungen des damaligen dänischen Außenministers Gustav Rasmussen ab. Niemals jedoch ist irgendeine dänische Zusicherung gegeben worden.

Um den Sowjetrussen keinen Vorwand zu bieten, sich provoziert zu fühlen, werden an den Übungen in den Gewässern um Bornholm, die nur einen Teil der großen Operation Mainbrace darstellen, außer den dänischen nur britische und norwegische Kriegsschiffe teilnehmen, nicht aber, wie ursprünglich beabsichtigt, auch amerikanische. Die Insel selbst wird nur von dänischen Kriegsschiffen angelaufen, wenngleich nach dänischer Meinung die Teilnahme amerikanischer Einheiten durchaus nicht mit den internationalen Rechtsprinzipien in Widerspruch stehen würde. Im übrigen wird auch Schweden, unabhängig von der Operation Mainbrace, den sowjetischen Drohungen zum Trotz in den internationalen Gewässern der Ostsee in diesem Monat Manöverübungen abhalten. Eine willkürliche Sperrung der Ostsee wird also der Westen nicht hinnehmen. Das ist der tiefere Sinn der Seemanöver der NATO-Streitkräfte in der Ostsee.

Engdahl Thygesen