Der Student Goethe hat in Leipzig das Logik- Kolleg des Professors Gottsched meist geschwänzt und sich statt dessen auf dem Markt Krapfen gekauft. Was ihn an den "spanischen Stiefeln" der Logik abstieß, war — wie er selbst in "Dichtung und Wahrheit" gestand — die Nötigung, den Vorgang des Denkens, den wir gleichsam unbewußt zu vollziehen geübt sind, nun auseinanderzulegenund wie unbeteiligt von außen zu betrachten "Ich habe niemals über das Denken nachdenken mögen", erklärte noch der alte Goethe.

Manchen, der kein Goethe ist, packt der Schwindel schon früher — bei der Grammatik, die er in der Schule exerzieren muß, nachdem er doch das Sprechen längst gelernt hat. In der deutschen Grammatikstunde muß er, widerwillig genug; an der Hand des Lehrers aus seiner eigenen Sprache aussteigen und das, was ihn: geläufig ist, behandeln, als bestehe es aus lauter ihm fremden Dingen, als da sind Wortarten, Satzteile, Fälle und dergleichen. Er wird genötigt, Beispiele zu erfinden — Sätze, die sozusagen in der Luft hängen, weil sie sich auf nichts beziehen, was ihn angeht. Weil sie keinen lebendigen Sinn haben, sondern nur den grammatischen Lehrstoff, illustrieren sollen. Das ruft ein Unbehagen hervor — gerade bei solchen, deren Sprachgefühl besonders rege und darum leichter verletzlich ist.

Wie es nun auch immer um Wert und Nutzen der sehr alten und schon deshalb wohl ehrwürdigen Schulgrammatik bestellt sein möge — eins steht fest: sie zerlegt die gesprochene Sprache in ihre (scheinbaren) Teile: den Satz in Wörter, das Wort in Laute. Und auch die wissenschaftliche Grammatik beginnt nach alter Überlieferung mit der "Lautlehre" — weil sie von der Voraussetzung ausgeht, daß die Laute die Elemente der Sprache sind wie die Reihe von Wasserstoff bis Uran die Elemente der materiellen Welt.

Hier verrät sich eine Schwäche der Grammatik, die man erst in jüngster Zeit erkannt hat: ihre Begründer gingen nicht vom lebendigflüssigen Zustand der Sprache aus, sondern vom geronnenen, nämlich der Schrift. Deren Elemente sind die Buchstaben, von denen jeder einen Laut bezeichnet. Ja, elementum heißt überhaupt Buchstabe, und die chemischen "Elemente" wurden ursprünglich als die Buchstaben aufgefaßt, aus denen das "Buch der Natur" zusammengesetzt ist. Chemie ist also, von Haus aus, buchstabieren an Hand der Körperwelt.

Sprechen aber ist nicht buchstabieren. Es fängt nicht mit dem isolierten Laut an. Auch beim fclein en Kinde nicht. Wenn dieses, "Mama" lallt, so hat die Doppelsilbe schon den Charakter eines Satzes, etwa: "Du bist Mama" oder "Komm her, Mama!" oder "Fein, daß Mama hier ist!" Am Anfang der Sprache steht der Satz, wobei unter "Satz" zu verstehen ist: die Aus Sage in ihrer einfachsten Form, unteilbar zunächst wie jene Wortungeheuer der Eskimosprache, die ganze ausführliche Beschreibungen — "Der Eisbäi kam aus seiner Höhle und rannte grimmig auf uns zu" — in ein einziges, auch für den Grammatiker nicht zerlegbares Komplexwort zusanmendrängen.

So oft- man versucht hat, das Phänomen der Sprache als einen schrittweisen Prozeß vom Einfachsten zum Kompliziertesten zu erklären und deshalb das Einfachste als eine einzige Lautgruppe ("wauwau" oder dergleichen) ausindig zu machen, ist man gescheitert. Die Spracle ist kein Bausteinkasten, und aus Klötzchen laß: sich auch nicht die "primitivste" Sprache zusammensetzen- was schon daraus zu ersehen ist, daß die Sprachen der Naturvölker allesamt viel verzwickter in ihren Formen sind als die der k>chzivilisierten, zum Beispiel als das Englische Das Wort vom "Aufbau der Sprache", da; auf dem Titel des im Ciaassen Verlag, Hamiurg, erschienenen Buches von Bruno Snell, dem Harn burger Gelehrten (und jetzigen Universitätsrektor) steht, soll also nur im übertragenen Sinne verstanden werden. Denn "das Sprachgebiude ist keine Konstruktion aus einzelnen, für siel bestehenden Teilen". Nicht aus den Wortarten und den Satzformen bilden sich die Sprachen, sondern Wortarten und Satzformen werden ihrerseits erst in ihrer Funktion verständlich, wenn wir einen Einblick haben in das, wozu die Sprachen allesamt und so auch "die Sprache" (als nur gedachte Einheit aller faktischen Sprachen) dienen. Erst dann können wir ihre Struktur angemessen auffaisen, ihren "Aufbau".

Ober die Sprache zu sprechen (oder zu sctreiben), hat etwas Mißliches deshalb, weil jede Aussage, die das Sprechen betrifft, wiederum Spreiien oder Schreiben ist. Es ist der Sprache eigentümlich, sich wie ein Aal dem Reden über sie zu ;ntziehen, und das ist auch der Grund, weshall) es nie hat gelingen wollen, eine völlig eindeutige, ganz und gar fixierte Sprache zu schaffen; denn eine solche könnte wohl klar und deutlich sein, hätte aber keine Töne für das Unsagbare, das zwar in der Mathematik und der mathematischen Logik, nicht aber in der lebendigen Rede überhört werden darf "Der Tiefsinn der Spracle", sagt Bruno Snell, "geht über das hinaus, was der einzelne Sprechende ergründen kann " Darum kann auch keine Sprachtheorie und Spracherklärung die Sprache festhalten wie eiien Gegenstand. Sprache ist nicht aus etwas anderem zu erklären (zum Beispiel aus der Gebärde oder aus Tierlauten); sie ist nur zu beschreiben und zu verstehen aus dem Sinn, den sie für den Menscaen. — als das Nicht mehr Tier — hat. Aller Darwinismus in der Sprachwissenschaft, alles Fahnden nach der "Ursprache" ist bodenlos. Die Sprache muß, wie der Mensch selbst, als unableitbar, als Grundcharakter des Menschlichen erkannt werden. Dann erst zeigt sie ihre innere Form, ihren "Aufbau" aus den drei (von Snell mit wohl unübsrtreffbarer Feinhörigkeit herausgearbeiteten) Urphänomenen ihres Sinnes: der Wirkung, dem Ausdruck, der Darstellung.