Fünf norwegische Maler haben in Hamburg – in der Galerie Ernst Hauswedell – ausgestellt. Zwei von ihnen allerdings sind nicht in Norwegen geboren und erst dorthin gekommen, als sie bereits fertige Künstler waren: Rolf Nesch, der von Geburt ein Schwabe ist und aus Obereßlingen stammt, und Paul R. Gauguin, ein Franzose, Enkel des gleichnamigen großen Spätimpressionisten, des Freundes von van Gogh. Da fragt man sich unwillkürlich: wieso tritt hier eine Gruppe von fünf Künstlern unter der Formierung "norwegisch" auf, wenn zwei von ihnen im eigentlichen Sinne gar keine Norweger sind?

Wer aber unvoreingenommen die Werke sieht – es handelt sich um Graphik, farbige Graphik zumeist und wer die Herkunft der Künstler nicht kennt, wird nicht umhin können, zwischen ihnen einen Zusammenhang, so etwas wie einen gemeinsamen, also wohl nordischen Charakter festzustellen. Und der am meisten nordische unter den Fünfen ist zweifellos der deutsche Maler Rolf Nesch. Er war von Schwaben nach Hamburg gezogen, wo er zuerst seine schöne Technik der Oberflächenbehandlung ausbildete, den Druck von Metallplatten mit aufgelöteten Stegen und Mustern, wodurch das Graphische ins Plastische erweitert wird. Hier entwickelte sich auch sein skurriler Humor, zugleich – seine Freude am Geisterhaften, an Nebel, Meer und Gespenstern. In Oslo suchte er Zuflucht nach 1933, als seine Kunst von den Nationalsozialisten geächtet wurde.

Der am wenigsten nordische ist Paul R. Gauguin, der heute als Theatermaler in der norwegischen Hauptstadt lebt. Seine phantasievollen Blätter sind graziös, witzig und sehr verspielt. Dennoch fällt auch er aus dem Rahmen dieser Ausstellung nicht heraus. Dann sind dort die d-ei Norweger: Henrik Finne, der sehr kultiviert, ein wenig akademisch im Sinne des Pariser salon d’automne von 1930 arbeitet, Johannes Rian, der – aber durchaus selbständig – den Stil von Münch weiterentwickelt, und endlich Sigurd Winge, der einstweilen noch vielen Einflüssen unterliegt und dabei mehr im Dekoration steckenbleibt.

Und was ist es nun, was sie vereinigt, den sehr bedeutenden, höchst modernen, an die Grenzen des Gegenstandslosen gehenden Nesch, den verspielten Franzosen Gauguin und die drei stärker im Gegenständlichen bleibenden Norweger?

Doch wohl die Farbe, jene Pariser Farbigkeit der Moderne, die von Bonnard, Dufy, Bracqie und Matisse geschaffen worden ist und die von Münch aus dem zarten Klang der traditionellen französischen peinture in die Helle der nordischen Malweise transponiert wurde. Es hat in der abendländischen Kunst immer einen "Weltstil", einen europäischen Stil also, gegeben, doch hat seit der italienischen Renaissance niemals eine Schule so sehr die Malerei Europas beherrscht wie heute die französische von Paris aus.

Und so ist das Nordische, das diese fünf Maler verbindet, weniger im Thematischen als vielmehr in der Farbe, im Erbe Frankreichs, zu suchen.

Martin Rabe