Was nach den Kopernikanischen Erkenntnissen für die Sonne als das von den Planeten umkreiste Zentrum gilt, trifft auf politisch-ökonomischem Gebiet seit Kriegsende zunehmend für die USA zu: um den von ihnen repräsentierten Mittelpunkt bewegt sich – cum grano salis – der Schwarm der sogenannten westlichen Länder, die finanziell, wirtschaftlich, militärisch und politisch gestärkt sein wollen und im Rahmen dessen auch nach Anschluß an das hohe Niveau der amerikanischen Arbeits- und Fertigungsmethoden, Forschungsresultate und praktischen Zusammenarbeit trachten. Mittel zu diesem Zweck sind nationale und internationale (OEEC-)Reisen Sachverständiger nach den Vereinigten Staaten zum Studium der dortigen Verhältnisse.

Halten die Fahrten deutscher Fachkommissionen nach "drüben", was man sich in puncto Verbesserung der heimischen Situation von ihnen verspricht? Nach allem, was der neutrale Beobachter an Hapd von Unterlagen und nüchternen Auskünften des Rationalisierungs-Kuratoriums der Deutschen Wirtschaft (RKW) feststellen konnte: ja. Erfahrungen nutzend, will man künftig den Wirkungsgrad der Reisen durch Begrenzung der Zahl zu besuchender US-Firmen, Institute usw. erhöhen, das strapaziöse "sight-seeing" also vernünftigerweise durch die Chance tieferen Eindringens in die technischen Interna der amerikanischen Unternehmen ersetzen.

Mit den Bundesministerien und Wirtschaftsverbänden zusammenwirkend, erledigt das RKW seit Ende 1950 Vorbereitung, Abwicklung und Auswertung der Studienreisen. Hier soll nur das Ergebnis interessieren. Sobald die Teams zurück sind und ihre Erfahrungen auf Anwendungsmöglichkeit im eigenen Bereich mit dem Ziel der Produktionserhöhung überprüft haben, erhalten die Teilnehmer einen kurzen RKW-Fragebogen zur (teilweise möglichst allmonatlich erneuten) Beantwortung. Da sind die Fragen nach den in Amerika festgestellten Verbesserungschancen in Deutschland (und ob Anwendung bei uns geplant sei), den dadurch erreichten oder erzielbaren Erfolgen (mit Zahlen- und Detailangaben), den "besonderen Wünschen" an die MSA (Literatur, Muster, Beratung, Informationen usw.) zwecks Komplettierung der Auswertung sowie nach Vorträgen und Publikationen über die Studienreise.

Einige Beispiele: Die Übernahme des amerikanischen Sink-Scheideverfahrens (Studienreise "NE-Metalle") soll den vorteilhaften Abbau und die erfolgreiche Aufbereitung ärmerer Erze und damit die Steigerung der Produktivität der betreffenden Gruben, ähnlich wie in den USA, bewirken. Oder: Die Studienreise "Deutsche Geflügelzucht" ergab eine Verbesserung der Haltung und Fütterung sowie der Impfstoffe gegen Hühnerpest und Geflügelpocken die allmähliche Angleichung unserer Wirtschaftsgeflügelzucht an US-Methoden ist geplant. Oder: Nach der Studienreise "Holzindustrie" wird erwartet, "daß sich der Endpreis der Möbelproduktion durch Verbesserung der Fabrikation und Einführung amerikanischer Verfahren erheblich senken lassen wird". Oder die Studienreise "Chemie": Übertragung der fortgeschrittenen Methoden auf dem Gebiete der automatischen Reguliertechnik in die chemischen Betriebe; Anwendung durch ein Ludwigshafener Werk beim Bau einer Neuanlage zur Erzeugung von Phosphatdüngemitteln.

Der Bericht über die "Amerikanische Gaswirtschaft" ist ein veritables Lehrbuch, der über "Amerikanische Dampfkraftwerke" nicht minder. Was das Team "Normung" von den (weniger traditionsbefangenen) Amerikanern lernte, ist die Notwendigkeit intensivster Beschäftigung mit Güte- und zugehörigen Prüfnormen, um die deutschen Käufer zu veranlassen, nach Normen zu kaufen. Unsere Konstrukteure und Fertigungsingenieure müssen eine gewisse Gleichgültigkeit in Normungsdingen nun unbedingt überwinden. Denn genormte Ware, von der man dann weiß, daß sie dem spezifischen Zweck entspricht, kann (und soll) auf Grund großer Serien ungleich preiswerter sein als Sonderausführungen mit (voll zum Ausdruck kommenden) höheren Gestehungskosten ...

Weitere Themen: Fernmeldetechnik, Kohlenbergbau, Grubensicherheitswesen, Schweißtechnik, Papiererzeugung, Schuhindustrie, Leistung und Lohn, Landmaschinen, Ackerschlepper, Städtebau, Groß- und Einzelhandel, Arbeitsvorbereitung und -planung, Genossenschaftswesen und zahlreiche andere: das weite Feld menschlicher Tätigkeit für eine bessere Zukunft. Helmut Benecke