Die Schwierigkeiten, unter denen die westdeutsche Fischwirtschaft nun schon seit Jahr und Tag zu leiden hat, wachsen sich langsam aber sicher zu einer handfesten Krise aus. Darüber können auch die Modernisierung der Fischdampferflotte und die guten Anlandungsergebnisse des ersten halben Jahres mit ihren 220 100 t und dem Erlös von 68,8 Mill. DM nicht hinwegtäuschen. Es gibt eigentlich von Jahr zu Jahr immer neue Überraschungen: 1951 verhinderte man während der deutschen Heringssaison ein vernünftiges Verhältnis zwischen Frischfisch- und Heringsfang, mit dem Ergebnis, daß Heringe en masse vorhanden waren, Frischfische aber schon fast einen Seltenheitswert erhielten und eine ungewöhnliche Preisentwicklung nahmen. Sie waren – und das im Zeichen einer kostspieligen Fischwerbüng – für den Verbraucher mit normalen Einkommenverhältnissen unerschwinglich. Diese für den Fischabsatz nicht sehr werbewirksame Entwicklung suchte man 1952 tunlichst zu vermeiden.

Viel Erfolg scheint man damit nicht zu haben, denn das Überangebot von Heringen läßt große Mengen bester Ware in die Fischmehlfabriken wandern und führte jetzt zu rücksichtslosen Fangbeschränkungen in der Hochseefischerei. Die Fischdampfer-Reedereien von Bremerhaven, Cuxhaven, Hamburg und Kiel rangen sich zu einer großzügigen "Regulierung von Angebot und Nachfrage" durch. Und zwar sollen künftig Fischdampfer bis zu 400 BRT nur noch 2800 Zentner Heringe und Dampfer über 400 BRT nicht mehr als 3500 Zentner je Reise anlanden. Wozu, so fragen wir uns, haben die weitblickenden Bonner Experten der Fischwirtschaft denn überhaupt mit einem gewaltigen Kapitalaufwand so große und moderne Fischdampfer bauen lassen, wenn sie schon heute – da zu groß – nicht mehr ausgenutzt werden dürfen? Wir werden den Verdacht nicht los, daß man die Verzögerungstaktik beim Bau der ersten 400-BRT-Fischdampfer, der von den Alliierten freigegeben wurde, sehr bald bitter bereuen wird. Sie hätten damals noch zu RM-Preisen die Helligen verlassen können und die heutige Krise der Fischerei Wirtschaft immerhin etwas erleichtert.

Um hier etwas zu verhindern, kommt das vom Bundeskabinett am 15. August im Entwurf verabschiedete Fischgesetz wohl um eine Nasenlänge zu spät. Auch wenn es nur, wie Staatssekretär Dr. Sonnemann vom Bundesernährungsministerium sagte, ein "großer Rahmen" sein soll, trägt es anscheinend bereits den Keim der Erfolglosigkeit in sich. Vom Staatssekretär wurden allerdings wertvolle Hinweise dazu gegeben, was getan werden muß. Wer aber soll diesem Gesetz den Lebensinhalt geben, wenn nicht das nun schon so lange erwartete Wunder – nämlich eine klare Haltung des Staates und die längst notwendige Einigkeit in der Fischwirtschaft selbst – eintritt? Vorläufig hat man u. a. den wichtigsten Zweig der Fischwirtschaft – nämlich den Fischeinzelhandel, der die gefangenen Fische den mit dem Pfennig rechnenden Hausfrauen offerieren muß–gegen sich. Und warum? Sind es sachliche Gründe unter dem Gesamtgesichtspunkt der Fischwirtschaft oder etwa nur subjektive, eigennützige Ansichten? Leider steht zu befürchten, daß die einflußreichsten Interessengruppen (unter Ausschluß der Öffentlichkeit) nach wie vor ihre Sonderwünsche durchsetzen können. Dieses Fischgesetz, davon sind nicht nur wir überzeugt, wird an der gegenwärtigen Lage unserer Fischwirtschaft gar nichts ändern. Man sollte durch eine neutrale Wirtschaftsenquete einmal die gesamte deutsche Fischwirtschaft durchleuchten und feststellen lassen, wo die Ursachen ihrer Krankheit stecken. Der mangelhafte Interzonenhandel allein ist es nicht. Und auch mit der lapidaren Feststellung des Fischereireferenten des Bundesernährungsministeriums, kürzlich vor der Bremerhavener Fischwirtschaft abgegeben, der Fisch müsse angesichts seiner Bedeutung als Nahrungsmittel in der Bundesrepublik viel mehr in den Vordergrund geschoben werden, weil Millionen an Devisen gespart werden können, ist es nicht getan. Diese nicht mehr ganz neue Feststellung kennt die Fischwirtschaft nun zur Genüge. Reden haben die Absatzlage unserer Fischwirtschaft noch nie gebessert, denn, ohne Zweifel, die Ursachen sitzen tiefer. Oder sollten sie etwa gar "höher" sitzen? – zke.