Mit Grandma Moses’ Bildern ist das so: Um sie wirklich zu schätzen, muß das amerikanische Landleben kennen, das den meisten fremden Besuchern verborgen bleibt, die nur noch New York und in die anderen Großstädte kommen, wo sie immer wieder dieselben Menschen treffen. Es genügt auch nicht, zum week end nach New England oder zu einem wohlhabenden Freunde nach Long Island zu fahren.

Man muß schon mitten unter dem Landvolk leben, wo der Eddy Burns seine Tankstelle hat und sein Bruder John immer kommt, wenn die Wasserleitung oder die Spielsachen der Kinder zu reparieren sind. Auch die alte Mrs. Cahill ist sehr wichtig. Ihr Mann war früher Hausmaler, und sie ruft immer gleich an, wenn irgendwo ein Baby geboren wird, und fragt, was sie für die Mutter tun könne.

Auch das der junge Postmeister am Flusse, der einen indianischen Namen hat und Pequannock heißt, während seiner Freizeit steinerne Pfeilspitzen sucht, muß man wissen. Er hat schon eine ganze Sammlung davon. Daß der Oktober der amerikanischste Monat ist, gehört gleichfalls dazu, mit viel Sonne und leuchtenden Farben. Merkwürdige Vögel, die es in Europa gar nicht gibt, sind Teil dieser Landschaft, große blaue, mit einem goldenen Federring um den Hals und kleine Kolibris, die eigentlich so weit nördlich nichts mehr zu suchen hätten. Und im Garten leben Erdschweinchen. Die Heuschrecken sehen wie Schmetterlinge aus, und im Sommer die Glühwürmchen, die sind groß wie feurige Murmeln.

Zum Sonntagsfrühstück gibt es Pfannkuchen, die man mit köstlichem Maple-Syrup übergießt, der aus dem Stamm des Zuckerahorns gezapft wird. Am Thanksgiving Day, dem Erntedankfest, das Ende November gefeiert wird, ißt man den traditionellen. Truthahn, der Schon bei ihrer Landung in der Neuen Welt die Pilgrim Fathers überrascht und erfreut hat. So ein amerikanischer Truthahn ist ein gewaltiges Federvieh und wenn er ausreißt, ist es für einen kleinen Jungen gar nicht so leicht, ihn wieder einzufangen.

Besonders gemütlich ist es im Winter, wenn Haus und Dorf auch manchmal für Tage eingeschneit sind. Im Kaufladen des Ortes steht ein höchst unmoderner dickbauchiger eiserner Ofen, die Farmer kommen, wärmen sich die Hände und erzählen Geschichten. Unsere Karl May lesenden Jungens hätten ihre Freude daran. So haben sie sich die alten Trapper vorgestellt, und daß es dies alles wirklich noch gibt! Gewiß, und zwar knapp 50 Kilometer von New York.

Damit ist eigentlich schon gesagt, was Grandma Moses – oder Anna Mary Robertson Moses, wie sie mit ihrem vollen Namen heißt – alles malt. Vielleicht darf man also die Behauptung, man müsse Amerika kennen, um sie wirklich zu schätzen, auch umkehren: Man lernt Amerika schätzen, wenn man Grandma Moses’ Bilder ansieht. Es ist nicht das ganze Amerika, das sie darstellt, aber bestimmt kein falsches.

Am 7. September wird sie 92, und was es sonst mit ihr für eine Bewandtnis hat, ist auch bei uns allmählich bekannt geworden. Sie ist eine schottisch-irische Farmerstochter aus dem Staat New York. Zwanzig Jahre lang lebte sie mit ihrem Mann auf einer Farm in Virginia und kehrte 1905 nach New York State zurück. Dort erwarben sie wieder eine Farm, und auf der lebt sie noch heute. Elf Enkel und siebzehn Urenkel mit Familie besiedeln die Gegend ringsum.