Es gab einmal von England aus eine künstlerische Invasion, die sich über den ganzen Kontinent erstreckte – fast 400 Jahre ist es her: die englischen Komödianten. Kleine Teams von Berufsschauspielern, die Marlowe und Shakespeare nach Deutschland brachten, Nomaden des Mimus, Gaukler und Musikanten. Zur gleichen Zeit erfanden italienische Aristokraten die Oper, Erzeugnis eines literarischen Snobismus, aus einem Mißverständnis entstanden. Jahrzehnte später gab es die erste stehende deutsche Oper, von der breiten Schicht des Bürgertums getragen – in Hamburg 1678.

1952 schreiben die englischen Zeitungen von einer deutschen Opern-Invasion. Die Hamburgische Staatsoper ist eingeladen worden, an Stelle des traditionellen Glyndbourne-Opera-Gastspiels bei den Internationalen Festspielen in Edinburgh den Opernteil ausschließlich zu bestreiten. Sechs deutsche Opern aus dem Hamburger Repertoire wurden für dieses Festival of Music and Drama gewünscht: Zauberflöte, Fidelio, Freischütz, Meistersinger, Rosenkavalier, Mathis der Maler, eine klingende Phänomenologie deutschen Wesens. Und die Einladung ist großzügig und ernst gemeint, mehr als eine Geste. Man erstrebt nicht nur eine Ausweitung der Festspiele zu größerer Internationalität, sondern den echten künstlerischen und geistigen Kontakt zwischen den Nationen. Das bezeugen nicht nur die zahlreichen Empfänge und offiziellen Einladungen, der glänzende gesellschaftliche Rahmen, sondern die spontanen Ovationen der Öffentlichkeit, die erregten und erregenden Diskussionen über die künstlerischen Probleme in den Kreisen der Jugend.

Aber nicht nur sechs deutsche Opern brachten die Hamburger unter ihrem "Prinzipal" Günther Rennert nach Edinburgh, nicht nur die Dirigenten Leopold Ludwig, Joseph Keilberth, Georg Solti und eine ganze Schiffsladung mit Dekorationen von Alfred Siercke, Helmuth Jürgens, Caspar Neher, nicht nur eine Suite namhafter Sänger, den gesamten Chor, das Philharmonische Staatsorchester und die Techniker des Hamburger Hauses – alles dies, aber nicht als Summe einzelner Faktoren, sondern als organisches Ganzes. Und das war das Neue.

Der Begriff "Teamwork" wird in Edinburgh für den Aufführungsstil der Hamburger geprägt und diskutiert. Diese Formulierung korrespondiert mit der Forderung nach dem complete whole, die der Nestor der englischen Musikwissenschaft, Edward Dent, immer wieder gestellt hat. Die Forderung nach der organischen Einheit in der Realisierung des vielschichtigen Opernkunstwerkes.

Der team-spirit, der die frühen Komödiantentruppen aus England zusammenhielt – auch heute noch in Sport, Wirtschaft und Politik drüben so beliebt – ist in der Oper gänzlich unbekannt. Stehende Opern-Ensembles hat es in England bis in die jüngste Vergangenheit nicht gegeben. Es herrschte bisher immer jener unselige Brauch der Stagionen mit gerade in Kurs befindlichen, ad hoc zusammengekauften Sängern, Dirigenten, kurzen Probenzeiten und entsprechenden al fresco-Vorstellungen. Nur prominente Sänger und Dirigenten zählten, Regie, Bühnengestaltung und Ensemble blieben mehr oder weniger dem Zufall überlassen, demzufolge sich eine stilbildende Tradition nicht entfalten konnte.

Deshalb die anfängliche Verwirrung in der englischen Kritik. Die gleichen Inszenierungen wurden von dem einen Beurteiler als zu naturalistisch empfunden ("Beinah unerträglich plastisch"), von den andern als zu symbolisch ("Günther Rennert wollte sich augenscheinlich vom Realismus lossagen... Realismus ist rotwendig"). Einer schreibt von der "Atmosphäre eines geruhsamen Formalismus", ein anderer: ‚Es wurde gespielt und gesungen, als ob das Leben davon abhinge." Aber die Mehrzahl der Kritiker spürt, worum es geht und ist um eine echte Auseinandersetzung bemüht. Die Resonanz steigert sich von Premiere zu Premiere: "Ein ernsthaftes Ensemble – kein Star-Theater", "Präzis und phantasievoll". Die Inszenierungen Rennerts werden als "vital und intensiv" empfunden, "detailliert und doch nicht kleinlich". Man spricht von dem "vollkommenen Zusammenspiel und der Gelöstheit der Darstellung, in der nichts Zufälliges Platz hat".

"Rosenkavalier" galt bisher als Höhepunkt, ein "triumphant success". Aber auch die "Mathis"-Aufführung wurde trotz der Sprödigkeit des Textes und der geistigen Problematik mit Ovationen nach jedem Bild enthusiastisch gefeiert