Von H. G. von Studnitz

Die Leinen waren kaum losgeworfen und das Fahrwasser erreicht, als sich auch schon herausstellte, daß wir auf einem Kinderschiff reisen sollten. Wohin man blickte, tummelten sich Scharen von Kindern. Sie hingen über die Reeling und verdeckten die Aussicht auf das majestätische Panorama der Wolkenkratzer von New York, sie balgten sich auf den eben festgezurrten Luken und enterten die Eisenleitern zu den Rettungsbooten. Ein Deck nach dem anderen nahmen sie in ihren Besitz. Amerikanische Kinder treten so auf, als seien sie allein auf der Welt. Ihre Eltern und Erzieher scheinen niemals gegenwärtig. Sie sind vielmehr bestrebt, den Kindern nicht lästig zu fallen. Sie vermeiden alles, was als Eingriff in die kindliche Unabhängigkeit angesehen und übel auffallen könnte. Wir vermochten daher auch in den folgenden Tagen und Wochen niemals festzustellen, zu wem die vielen Kinder gehörten, wer sie pflegte und kleidete. Die beiden kleinsten machten eine Ausnahme. Sie wurden Pet und Mike gerufen und zählten zwei und drei Jahre. Ihr dicker, gutmütiger Vater glich einem freundlichen Schimpansen, wenn er, die beiden Kleinen an den Tatzen, morgens seinen Einzug in den Frühstücksraum hielt. Ihm blieb die Fütterung überlassen, denn Mummy war um diese Stunde noch der Schönheitspflege in ihrer Kabine hingegeben. Wenn die Familie den Speisesaal betrat, brachen Pet und Mike in helle Schreie aus, die den für diesen Augenblick schon gerüsteten Stewards bedeuteten, daß sie "Coffee" und "Milk" benötigten, womöglich noch bevor sie Platz genommen hatten. War dies geschehen, so wiederholte sich allmorgendlich das gleiche Schauspiel. Der alte Schimpanse hatte gerade seine Hornbrille geputzt und sich dem Studium des Menüs hingegeben, als die für Pet und Mike bestimmten dickbauchigen Tassen mit Milchkaffee serviert wurden. Die Unaufmerksamkeit des Alten benutzend, schlug Pet, der Jüngere, mit der Faust so in den Tasseninhalt, daß sich ein Sprühregen von Kaffee über den Vater, die Stewards und das Tischtuch ergoß. Auch die Nebentische blieben von dem Segen nicht verschont. In der dadurch entstehenden Verwirrung – der Vater war durch die Kaffeetropfen auf seinen Brillengläsern vorübergehend erblindet – trat Mike in Aktion. Er ergriff den Brotkorb, drehte aus den Hörnchen V 2-Geschosse und setzte die Nachbarschaft unter ein wohlgezieltes Bombardement. Die Hoffnung der Stewards, daß der alte Schimpanse sich durch eine Ohrfeige rächen oder doch seine Autorität wieder herstellen würde, erfüllte sich niemals. Sich mühsam reinigend, erstrahlte sein Gesicht zu einem bewundernden Grinsen. Von den Nachbartischen aber lobte man den spirit der wonderful kids Später zog die Familie an Deck. Der Alte schleppte ein großes Kofferradio, das er mit ausgefahrener Antenne auf der Reeling balancierte, um einen besseren Empfang zu haben. Pet und Mike aber hantierten riesige Blechrevolver, die mit Gummikugeln von Haselnußgröße geladen waren. Wer sich jetzt nicht in Sicherheit brachte, konnte eine hübsche Beule ernten oder womöglich ein Auge verlieren. Denn die beiden Kids zielten nur auf die Gesichter der in ihren Liegestühlen der friedlichen Betrachtung des Meeres Hingegebenen. Jeder Treffer wurde mit Jubel quittiert. Eines Tages stürzte Mike zwei Meter tief von einem Ventilatorhaus auf Deck. Daddy barg ihn in seine gewaltigen, behaarten Arme und befahl ihm die Glieder zu strecken. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie ganz geblieben, setzte er Mike auf die Füße und widmete sich wieder den technischen Wundern seines Kofferradios. "They have to learn..." war sein einziger Kommentar.

Wie die Kinder so blieben die Teenagers unter sich. Auch sie wünschten mit den Erwachsenen nicht das Geringste zu schaffen haben. Bei Tisch erhoben sie sich lautlos und gleichzeitig an allen Ecken und Enden lange bevor die Erwachsenen die Mahlzeit beendeten. Man traf sie dann im Verandacafe, dem Canasta oder einem anderen Kartenspiel mit tiefem Ernst zugewandt. Teenagers, die Jahrgänge zwischen thirteen und nineteen haben in ihrem Auftreten und Gebaren mit "Flegeln" und "Backfischen" wenig gemein. Innerhalb der vielen seltsamen Lebenskreise Amerikas bilden sie einen der merkwürdigsten. Die äußerliche Aufmachung des europäischen Backfisches betont das Kindliche. In hiesigen Internaten zeichnet sich die Kleidung dieser Jahrgänge durch Strenge, tote Farben und einen Schnitt aus, dessen einziger Sinn in der Verheimlichung zu bestehen scheint. Niemand soll ahnen dürfen, daß es sich bei den Trägerinnen um erblühende Weiblichkeit handelt. Daheim bevorzugen viele Mütter für ihre heranwachsenden Töchter den gleichen Stil. Anders der Teenager. Er ist mit dreizehn so angezogen, daß man ihn für einundzwanzig halten könnte. Er poliert Finger und Zehen in allen Schattierungen von Rot. Seine Blusen würden einem Revuegirl Ehre machen. In den Hosen aber zeigt der Teenager Formen, über deren Koketterie keine Zweifel möglich sind. Die Hosenmodelle sind dem modischen Wandel stärker unterworfen als manches Kleidungstück der Erwachsenen. Auf die "bobby soxer", folgten die "bitte jeans" oder "dungarees" aus blauem Monteurkittelstoff, aufgesetzten weißen oder roten Nähten und Messingösen. Der letzte Schrei sind die "pedal pushers". Sie enden kurz unter dem Knie und sind für Radlerinnen bestimmt, ob schon die meisten ihrer Trägerinnen niemals ein Velo geführt haben. Längst haben sich die großen Warenhäuser des Teenagers bemächtigt, dem sie ganze Abteilungen widmen.

Die Mentalität dieser Jugend ist schwer zu ergründen. Sie schwärmt für Frank Sinatra und Johnny Ray, der den Teenagers den Spitznamen "Johnny cry Ray" verdankt, denn er bringt die meisten von ihnen mit seinem Gesang unweigerlich zum Weinen. Der Teenager huldigt nicht der Schlagsahne, sondern dem "ice cream soda", dem "sundee" und anderen Genüssen der "Candy Bar". Die Beziehungen der Geschlechter unterliegen – im Gegensatz zu hiesigen Vorstellungen – auch beim Teenager einem gewissen Zeremoniell. Sie beginnen mit dem "going steady", was soviel wie den Anfang einer Freundschaft andeutet. Hieraus kann sich das Stadium des "being pinned" entwickeln, was soviel wie Verliebtsein heißt. Die Krönung bildet das "engagement", die Verlobung, die den Teenager in die Kategorie der Erwachsenen überführt. Bleibt dieses aus, so verwandelt sich der Teenager, sofern er weiblich ist, in ein "Career girl", das sich einem Studium oder einer Berufsausbildung unterzieht. –

Wer die Teenagers an Bord des Schiffes, das von New York nach Europa fuhr, beobachtete, wäre nicht auf den Gedanken gekommen, daß sie in Begleitung Erwachsener reisten. Niemals erblickte man Mütter und Töchter untergehakt auf einer gemeinsamen Promenade, niemals richtete ein Sohn eine Frage an seinen Vater. Diese Jugend genügte sich selbst. Sie bestimmte ihren Umgang selbst, der die Klasseneinteilung auf dem Schilf ebenso ignorierte wie die für die Einnahme der Mahlzeiten angesetzten Stunden. Selbst das allen Passagieren geheiligte Schild "reserved for the commando", das den Zugang zur Brücke verwehrte, erwies sich als machtlos, wenn ein "kid" oder ein "teenager" es sich in den Kopf gesetzt hatte das Radargerät oder den Kreiselkompaß zu besichtigen.

Als das Schiff in Le Havre anlegte, verabschiedeten sich die Teenagers mit der Gewichtigkeit von Erwachsenen. Eine Vierzehnjährige fragte einen Dreizehnjährigen: "Wie lange bleibst du in Paris?" Sie bekam zur Antwort: "Das hängt ganz vom Wetter ab, du weißt ja, Hitze langweilt mich. Da ist mir die Riviera lieber." Worauf die Kleine erwiderte: "Is that so, well I may have to make the same decision!"