Woran mag es liegen, daß für die deutscheBühne heute nicht mehr jene Art Konversationsstücke geschrieben werden, die man "Liebeskomödien" nennt und für die in früheren Jahrzehnten eine ganze Gilde brillanter Könner (von Oscar Blumenthal über Ludwig Fulda bis zu Bruno Frank) zuständig war? Gewiß absorbiert der Bedarf an unterhaltenden Hörspielen die Arbeitskraft so mancher Schriftsteller, die ohne Rundfunk sich dem Theater verschreiben würden. Aber das ist in England, Amerika und Frankreich nicht anders, und doch ist dort an elegant gefertigten Stücken kein Mangel. Dort übt aber auch die Kritik nicht jene gönnerhafte Herablassung gegenüber Werken, die statt dichterischer Bemühtheit dramaturgisches Geschick, statt weltanschaulicher Prätention weltkundige Menschenzeichnung, statt bohrenden Tiefsinns spielende Lebensklugheit zeigen. Kein Autor braucht dort seine Tantiemen mit dem ärgerlichen Bewußtsein zu erkaufen, daß man ihn als Dichter zweiter Klasse registriert.

Einstweilen ernährt sich der Alltag des deutschen Theaters mit Importen. Das Publikum quittiert sie mit Beifall, wenn es darin, ohne überfordert zu werden, einen liebenswürdigen Spiegel seiner eigenen kleinen täglich-ewigen Probleme findet. Das Stückchen Rokoko, das in der guten Liebeskomödie fortlebt, ist durch keine gröbere Aktualität zu verdrängen, solange es Männer gibt, denen die Frau, und Frauen, denen der Mann problematisch ist. Und diese Problematik ist bis jetzt nur in den Ländern des Ostblocks ausgeschaltet.

Nicht in England: Daphne du Maurier hat von Maugham gelernt, wie man einen Einfall szenisch schön verschachtelt und ihm, ohne den eigenen Esprit auf den Präsentierteller zu legen, dialogische Würze gibt. Das Hamburger Thalia-Theater, im Darbieten solcher angenehmen Vergänglichkeiten oft der Perfektion nahe, zeigte von der Lieblingsschriftstellerin Königin Elisabeths II. "Septemberflut": Ein Maler (von Holger Hagen mit bemerkenswert lockerer Ernsthaftigkeit glaubwürdig gemacht) verliebt sich an der Küste von Cornwall in die fast noch junge Mutter seiner sehr jungen Frau (Freca-Renate Bortfeldt mit den vielen diskreten Zwischentönen der älteren und Thessy Kuhls mit dem einen, direkten Ton der jüngeren Generation). Die Septemberflut führt fast eine Katastrophe herbei – aber nur fast. Die Verständigkeit siegt. Es war nur eine Episode.

...auch nicht in Amerika: Vom Broadway kommend, dort aber noch nicht gezeigt, des Ex-Ungarn Ladislaus Fodor "Europa und der Stier", am Besenbinderhof in Hamburg "welt-uraufgeführt" unter Fritz Rémonds leicht pedantischer Regie, mit der anmutigen und so unschauspielerischen Ilse Werner als Europa alias Prinzessin eines Komödienniemandslandes so um Triest herum, dem mimisch mächtig ausladenden Herbert A. E. Böhme als Stier alias Marschall à la Tito und dem Erz-Charakteristiker Max Walter Sieg als elastischem Zweischulternträger. Eine witzige Operette ohne Musik, mit mythologischen Beziehungen auf Europa als dritte Kraft zwischen Moskau und Washington. Lange nicht so vielsinnig wie Ustinows "Liebe der vier Obersten", aber doch hübsch als Beispiel, wie sich Politik und Liebe reimen lassen;

...am allerwenigsten in Frankreich: "Nicht zuhören, meine Damen!" sagt Sacha Guitry (in Hamburg vertreten durch den quickeren Willy Maertens) an der Rampe, sobald die Mitspieler abgetreten sind. Denn wo bliebe die Spannung des Liebesspiels, wenn alle Frauen wüßten, daß die Männer wissen, wie die Frauen sind? Die "Schule der Männer" muß der Mann von fünfzig Jahren (eben Guitry-Maertens) in seiner Ehe mit seiner halb so alten, ebenso kapriziösen wie im Grunde doch kreuzbraven Frau (in beiden Aspekten sattelfest: Gisela Peltzer) durchexerzieren, nicht ohne weise Melancholie, mit kecken Symbolen aus der Tierwelt und einer Reihe skurriler Nebenfiguren, wie sie sich so glaubhaft albern eben wohl doch nur in Paris ansiedeln lassen.