Das Arbeitsministerium der Vereinigten Staaten hat eine Übersicht veröffentlicht, aus der hervorgeht, daß die Kaufkraft des Dollars am Schluß des ersten Halbjahres 1952 für Lebensmittel nur noch 43 Cents, für Bekleidung 45 Cents, für Haushaltsgegenstände 49 Cents und für Mieten 70 Cents gegenüber einer Kaufkraft von 100 Cents in den Jahren 1935/39 beträgt. Auf Grund des vom Statistischen Amt des gleichen Ministeriums monatlich bekanntgegebenen "Verbraucher-Preisindex" vom 15. Juli mußten alle nach der gleitenden Lohnskala bezahlten Arbeiter und Angestellte automatisch eine Teuerungszulage erhalten, die beispielsweise für eine Million Automobilarbeiter drei Cents pro Stunde ausmacht.

Es wäre verfrüht, auf Grund der bisherigen Dollarentwertung von einer echten Inflation zu sprechen, sicher aber ist, daß sich die Entwicklung zu einer Inflation abzuzeichnen beginnt, und das hat eine starke Beunruhigung und Kritik an den Maßnahmen der Regierung hervorgerufen. So beschäftigte sich die überparteiliche "Amerikanische Versammlung", die sich aus 85 prominenten Mitgliedern aus allen Berufsschichten zusammensetzt, auf ihrer letzten Tagung eingehend mit dem Problem der Inflation. Grundlage für die Diskussionen war der Bericht eines Komitees, an dem unter dem Vorsitz des Hauptwirtschaftsberaters der Chase National Bank vierundzwanzig anerkannte Autoritäten auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet mitgearbeitet haben. In diesem Bericht heißt es: "Es gibt heute keine wichtigere Aufgabe, als die Kaufkraft des Dollars zu erhalten, ihr ist sogar die Verteidigung der Demokratie untergeordnet. Wenn der Kampf um den Dollar verlorengeht, wird die Demokratie dies kaum überleben. Die Finanzpolitik der Bundesregierung wird immer der wichtigste Faktor in diesem Kampf gegen die Inflation sein, und von ihr werden alle anderen anti-inflationistischen Maßnahmen beeinflußt und bedingt werden."

Wie aber steht es um diese Politik der Regierung in Washington? In einem Leitartikel "Die Inflation ist offiziell" schrieb die New York Times hierzu: "Präsident Truman hat seit langern erkennen lassen, daß er nicht die Absicht habe, dann gegen die Inflation vorzugehen, wenn es politisch gefährlich sein könnte.... Anstatt seinen Direktor für die Mobilisierung der Verteidigung, Charles E. Wilson, und das Amt für Lohnstabilisierung zu unterstützen, belohnte der Präsident die Gewerkschaftsführer für ihren Boykott des Lohnstabilisierungs-Amtes, indem er – so sagte er selbst – ein neues Amt einrichtete, von dem erwartet werden kann, daß es den Gewerkschaftsführern das geben wird, was sie wünschen."

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Ausbruch und Verlauf des Streiks in der Stahlindustrie durch die Haltung des Präsidenten maßgeblich beeinflußt worden sind. Charles E. Wilson hatte nachdrücklich den Standpunkt vertreten, daß das vorgesehene gigantische Wiederaufrüstungsprogramm nur bei stabilisierten Lehnen und Preisen durchgeführt werden könne. Durch die Erklärung des Präsidenten, die Forderungen der Stahlarbeiter seien "keineswegs unvernünfsie bedeuteten auch "keinen wirklichen Bruch mit unserer Lohnstabilisierungs-Politik", sowie durch seine weitere, leicht widerlegbare Behauptung, "die außerordentlich hohen Profite der Stahlwerke müssen es den Unternehmern ermöglichen, die vorgeschlagenen Lohnerhöhungen ohne gleichzeitige Preiserhöhung zu absorbieren", wurden die Gewerkschaften zum Streik ermutigt. In der Folge allerdings wurde der Stahlindustrie zum Ausgleich für die erhöhten Lohnkosten eine Preiserhöhung von durchschnittlich 5,50 Dollar für die Tonne bewilligt.

In seiner letzten Sitzung mit Präsident Truman hat der zurückgetretene Leiter des Preisstabilisierungs-Amtes, Mr. Arnall, geraten, den Kongreß zu einer außerordentlichen Tagung einzuberufen, um durch neue Lohn- und Preiskontrollgesetze die Preissteigerungen aufzuhalten. Da aber durch derartige Gesetze die Gewerkschaften und die Farmer – also sehr beachtliche Wählerorganisationen – in Mitleidenschaft gezogen würden, ist kaum anzunehmen, daß der Präsident den Rat befolgen wird. Dagegen steht fest, daß die Inflation eine bedeutende Rolle im Wahlkampf spielen wird. Das geht in aller Deutlichkeit aus dem Wahlprogramm der Republikanischen Partei hervor, in dem es heißt: ‚Die leichtfertige Extravaganz und inflationistische Politik der Regierung haben den Wert des Dollars halbiert und zu Steuern geführt, die an eine Beschlagnahme grenzen. Wenn diese Regierung am Ruder bleibt, wird sie den Dollar noch weiter entwerten, den Lohnempfänger berauben, den Farmer arm machen und den tatsächlichen Wert der Ersparnisse, Pensionen, Versicherungssummen und Kapitalanlagen von Millionen unseres Volkes reduzieren. Weitere Inflation muß und kann verhindert werden. Eine gesunde Steuer- und Geldpolitik ist hierfür Voraussetzung."

Was maßgebende Kreise der Wirtschaft über dieses Thema denken, wird durch eine Äußerung des alten Bankiers Bernard M. Baruch wiedergegeben, der vor Pressevertretern erklärte: "Die Inflation wird jede Wirtschafts- und Außenpolitik, die wir machen, zerstören. Ich werde denjenigen Präsidentschaftskandidaten unterstützen, der die größere Klugheit und Entschlossenheit zeigt, die Inflation zu beseitigen."

E. K.