Unvoreingenommene Informationen aus den

Satellitenländern des Ostblocks sind heute kaum zu beschaffen. Um so bemerkenswerter, daß jetzt ein Verlag in der Bundesrepublik, die Frankfurter Verlagsanstalt, das „Rumänische Tagebuch 1951“ einer westdeutschen Schriftstellerin verlegen kann, das er im Text auf der Umschlagsklappe als „ungefärbten Bericht“ bezeichnet. Das sieht wie ein Wunder aus: eine Westdeutsche (Irma Loos, 45 Jahre alt, wohnhaft in München) wird in das Land Ana Paukers eingelassen, darf sich dort umsehen und berichtet (wie der Klappentext weiter sagt) „absichtslos“ über das, „was ihr nicht gefällt“, und über das, „was ihrem Verstand und ihrem Herzen entgegenkommt und gefällt“. So tolerant sind also die rumänischen Machthaber, und so günstig ist für den deutschen Leser die „einzigartige Gelegenheit, einen Blick hinter den Vorhang zu tun“.

Der Leser möchte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und schlägt zunächst das Vorwort auf. „Als ich“, informiert ihn die absichtslose Irma Loos, „im August 1951 in Berlin war, um für eine Münchner Wochenzeitung über die Festspiele zu berichten...“ – hier stockt er und überlegt: die Berliner Festspielwochen waren erst im September 1951, im August dagegen fanden in Ostberlin die von Moskau dirigierten „Weltjugendfestspiele“ statt. Daß es diese sind, für die Irma absichtslos nach München berichten wollte, geht aus dem Ende des Satzes hervor: „... hatte der Schriftstellerverband eine Einladung nach Bukarest vorliegen.“ Das kann nur der sowjetzonale Verband sein, obwohl diese Tatsache verschwiegen wird. „Man kannte mich von dem Gespräch zwischen ost- und westdeutschen Schriftstellern in Starnberg Ostern 1951, und ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, mitzufahren.“ Weniger sanft formuliert würde das lauten: Irma Loos erschien den sowjetischen Kulturfunktionären vertrauenswürdig und geeignet für Propaganda in Westdeutschland. So setzten sie sie in der fünften Kolonne ein, als fellow traveller.

Irmas Frankfurter Verlag drückt denselben Tatbestand höflich aus: „Man kann sie sympathisierend’ nennen, wenn man das Wort nimmt, wie es ist, und nicht zum politischen Schlagwort deformiert.“ Sympathie für das politische System in Rumänien ist also nach Frankfurter Definition etwas ganz Unpolitisches, etwas, wobei nur „das Herz beteiligt ist“. Aber Irma Loos selbst teilt diese Ansicht nicht. „Wir leben in Völkerverbänden“, sagt sie auf Seite 61 ihres Tagebuches, „es gibt kein privates Sichheraushalten ohne Schuld.“ Man muß sich politisch entscheiden, das hat sie erkannt. Und sie hat sich entschieden. Sie ist „gegen die Kriegsvorbereitungen“, die der Westen (nur der Westen) betreibt. Sie ist dafür, daß „diejenigen ausgeschaltet würden, die auf privatem, geschäftlichem Profit bestanden“. Sie bewundert die eingeschriebenen Parteimitglieder, mit denen sie reist, weil diese „für eine menschliche Ordnung auf unserem Stern“ arbeiten. Wenn sie vom heutigen Deutschland spricht, so meint sie die „DDR“, während sie in der Bundesrepublik nur „Soldatenbünde“ wahrnimmt, die sich wieder zum Totschlag rüsten. Keine östliche Propagandavokabel, die sie sich nicht treuherzig zu eigen machte. Von den kommunistischen Kulturfunktionären in Bukarest, die ihrer Muse das Plansoll abverlangen, sagt sie: „Ich kann nicht anders, als diese Schriftsteller, die sich darum bemühen, die Basis, auf der wir alle stehen, in das dichterische Werk einzubauen, fromm finden.“ Und gar nicht fromm findet sie den über achtzigjährigen katholischen Bischof Pacha von Temesvar und dem Banat, der vor ihren Augen in einem Schauprozeß als amerikanischer Spion verurteilt wird. Wie der rumänische Staat solche Geistlichen „ausschaltet“, registriert sie kühl und gelassen. Da ist ihr Herz nicht beteiligt.

Kurz: Irma Loos ist eine Gläubige ohne Parteibuch, sozusagen eine anima naturaliter sowjetica, die der Generallinie ganz ohne Zwang folgt und sich am Ende der Fremdenführung, die man in Bukarest für sie veranstaltet hat, nichts Schöneres wünschen kann als ein baldiges Wiedersehen mit den rumänischen Kommunisten, „vielleicht in Bukarest, vielleicht in Berlin, ich hoffe, sage ich, auch einmal eines Tages in München“.

Aus den schönen Gefühlen kommen nicht nur, wie André Gide sagte, die schlechten Bücher, sondern auch die politischen Fehlurteile. Irma Loos darf geglaubt werden, daß sie von früher Jugend auf an der sozialen Ungerechtigkeit gelitten und sich aus diesem respektablen Motiv der „heimatlosen Linken“ angeschlossen hat. Daß zu einer „menschlichen Ordnung auf unserem Stern“ auch die Freiheit von Furcht gehören müßte, macht sie sich nicht klar, und darum sah sie 1951 in Rumänien nicht den Terror und nicht den Zwang, sondern allein die wie überall in der östlichen Welt mit Kinderheimen, Kulturparks und Klubs ausstaffierte Fassade – eine rote Gartenlaube als Station auf dem Wege zum Sowjetparadies.

Insofern ist ihr Bericht tatsächlich „absichtslos“. Denn sowenig sie die Folgerungen des in Rumänien herrschenden Systems absehen kann, sowenig ist ihr bewußt, wie sympathisch diesem System ihre Sympathien sein müssen. Ihr Bericht könnte jede östliche Zensurstelle glatt passieren. Für den Westen mag er, faute de mieux, Informationswert über die Zustände in Rumänien 1951 haben. Daß sein Verlag ihn aber als „ein Stück echter Literatur“ anspricht, ist ein starkes Stück Waschzettel-Literatur. Lukas Redlich