Weltliteratur in zwei Pavillons

Vor genau hundertfünfundzwangig Jahren wurde der Begriff der Weltliteratur dort zum erstenmal geprägt, wo er zur konkreten geistigen Wirklichkeit geworden war: in Weimar. Zu Eckermann sprach Goethe das folgenschwere Wort: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen; die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen." In unserer Zeit zunehmender Nivellierung des Denkens dürfen wir erst recht Goethes Mahnung nicht überhören: "Nur wiederholen wir, daß nicht die Rede sein könne, die Nationen sollen überein denken, sondern sie sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, sich einander wenigstens dulden lernen."

Diese Weltliteratur mit dem Ziel einer allmählichen Verständigung unter den Völkern findet ihre sichtbare Verwirklichung in der großartigen Privatbibliothek von Dr. h. c. Martin Bodmer in Genf. Unter Verzicht auf eine bloße Häufung des Kuranten stellt sie eine einzigartige Bestandsaufnahme des weltliterarischen Schrifttums dar.

Im Zentrum steht die Dichtung. Und zwar jene, von der Goethe schrieb: "Eigentlich gibt es nur Eine Dichtung, die echte." Sie spiegelt in herrlicher Klarheit den Gang menschlichen Denkens und Tuns von den Frühlingstagen einer ungeteilten Menschheit bis in unsere Zeit völliger Zersplitterung. Der ganze Vorgang läßt sich in der Form eines Stammbaums aufzeichnen, dessen Wurzeln in einer mythischen Schicht verankert sind und dessen drei Hauptäste, auf denen die ganze abendländische Dichtung ruht, die Antike, die Bibel und das Mittelalter sind. Mit zunehmender Aufteilung der Welt in die verschiedenen Sprachkreise entstand das wesentliche Problem der Übersetzung. Die Bodmersche Sammlung ist reich an Übersetzungswerken, da erst diese dem Originaltext seine übernationale Wirkung verleihen. Darauf wies ebenfalls schon Goethe hin: "Denn eben diese Bezüge vom Originale zur Übersetzung sind es ja, welche die Verhältnisse von Nation zu Nation am allerdeutlichsten aussprechen und die man zur Förderung der vor- und obwaltenden allgemeinen Weltliteratur vorzüglich zu kennen und zu beurteilen hat."

Den Grundstock bildet sinngemäß das Werk Goethes. Neben vielen Handschriften (unter anderem aus dem "Paust"), Erst- und Gesamtausgaben der Originale stehen jene zahlreichen Werke, die im Gefolge von Goethes Schriften in ganz Europa verfaßt wurden; besonders anregend etwa die vielen Wertheriaden. Um diesen Kern zieht sich der ganze weimarische Kreis, die deutsche Geistesepoche von 1740 bis 1832, in der das weltliterarische Bewußtsein besonders rege war. Von diesem Mittelpunkt aus weitete sich in wachsenden Ringen die Bibliothek, bis zu ihrem heutigen Umfang von über 70 000 Bänden aus über 80 Literaturen und 200 Sachgebieten. In den mit erlesenem Geschmack eingerichteten Räumen finden wir in ungebrochener Tradition all jene Werke menschlichen Geistes, die entscheidend die Geschichte des Abendlandes und unser geistiges Dasein geformt haben. In wohlüberlegter Auswahl wird das Allgemeingültige im Typischen aufgezeigt. Eine gerade Linie führt von den kostbaren mittelalterlichen Manuskripten, Inkunabeln und Frühdrucken über die Erstausgaben und Gesamtausgaben der führenden abendländischen Literaturen bis zu den wesentlichen zeitgenössischen Werken und gestattet einen überwältigenden Überblick über die abendländische Geistesgeschichte.

Ging die Idee der Weltliteratur vom weimarischen Kleinstaat aus, so ließ sie sich im schönsten verwirklichen in jenem andern Kleinstaat, der seit Jahrhunderten im Herzen Europas seine Mission der geistigen Vermittlung erfüllt: in der Schweiz. Wurden zahlreiche Strahlen des Geistes im Spiegel Weimars gebrochen und in erneuter Schönheit weitergestrahlt, so wurden diese durch die Schweiz wieder nach Weimar vermittelt. Unzählbar sind die Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Kleinstaaten. Nord und Süd, West und Ost kamen in ein angeregtes Gespräch durch die "Helvetia mediatrix",die europäische Akzente setzte. Der Kettenreaktionen, der sich über das Abend- und Morgenland und selbst die Neue Welt erstreckenden Querverbindungen ist kein Ende.

Auf europäischem Boden gewachsen, steht die Bibliothek von Martin Bodmer in einer zutiefst europäischen Landschaft. Von der Terrasse der beiden entzückenden Pavillons aus dem achtzehnten Jahrhundert, in denen die Sammlung untergebracht ist, geht der Blick bis zum blauen Jura und über den Genfer See, auf den der Montblanc in erhabener Größe herabgrüßt. In dieser Leman-Landschaft schrieben nicht nur Rousseau und Voltaire, führten Madame de Staël, A. W. Schlegel und Benjamin Constant ihre weltliterarische Gespräche, sondern Wanderer aus ganz Europa wandelten an den Gestaden des Sees, allen voran Gibbon, Goethe, Byron, Shelley und Victor Hugo. In solchem natürlichen Rahmen entstand durch private Initiative und Mittel diese Bibliothek, die als geistige Macht wirksam ist; demnächst soll aus ihr eine Schriftenreihe zur Weltliteratur hervorgehen. Hansres Jacobi