Wir sich über die Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens in der Bundesrepublik orientieren will, der wird als einen der wichtigsten Gradmesser die "Index-Ziffer der industriellen Produktion" verfolgen, die vom Statistischen Bundesamt allmonatlich mit großer statistischtechnischer Präzision berechnet wird.

In den Lageberichten der Ministerien, der Banken und der Forschungsinstitute nimmt der Produktionsindex mit Recht einen hervorragenden Platz ein. Die neueste Zahl wird stets mit Spannung erwartet – zumal in einer Zeit, in der die Konjunktur weder eindeutig nach oben noch eindeutig nach unten tendiert. Hier schon muß der Wirtschaftsforscher seine warnende Stimme erheben, um zu verhindern, daß eine gutgläubige Öffentlichkeit bei der Deutung des Geschehens die einzelnen Monatsdaten des Index auf die Goldwaage legt. Die jüngste Ziffer – für Juli – zeigt einen für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Sprung nach unten. Die Produktion ist gegenüber dem Vormonat um 6 v. H. zurückgegangen. Diese Feststellung darf aber ebenso wenig dramatisiert werden, wie umgekehrt die voraufgegangene ungewöhnliche Steigerung des Index von Mai auf Juni mit Vorsicht ausgelegt werden sollte.

Wie sind die jüngsten Daten nun zu verstehen? Darf man etwa präzise fragen: Läßt der Anstieg des Index im Juni auf eine konjunkturelle Belebung und der Rückgang im Juli auf eine konjunkturelle Abschwächung in der Industriewirtschaft schließen?

Der Zeigefinger wird warnend erhoben, weil die Hauptgefahr einer Fehldeutung bereits darin besteht, daß die Bewegung einer Indexreihe von einen Monat zum nächsten und vom nächsten zum übernächsten isoliert betrachtet wird. Da das Wirtschaftsleben selbst so vielen Zufälligkeiten und einmaligen Einflüssen unterworfen ist, die sich im Kurvenbild als fiebriger Zickzack niederschlagen, und da die den Wirtschaftsverlauf einfangenden Indizes ihrerseits weiteren Zufälligkeiten, die in der Berechnungsmethode liegen, ausgesetzt sind, wird man im Interesse einer zuverlässigen Diagnose die Bewegung der Wirtschaftsreihen über eine längere Periode hinweg zu betrachten haben. Ganz in diesem Sinne zeigt das nebenstehende Schaubild die Ausschläge der beiden jüngsten Monate in größerem zeitlichen Zusammenhang.

Weder für den Gesamtindex noch für die im Schaubild ausgewählten Gruppenindizes (Investitionsgüter und Verbrauchsgüter) fallen die diesjährigen Juni- und Julidaten "aus dem Rahmen" und bei den nicht abgebildeten Gruppen (den Grundstoffen und Produktionsgütern, den Nahrungs- und Genußmitteln, der Energie und dem Bau) ist es nicht anders. Dies deutet sich bereits in den Originalreihen des Statistischen Bundesamtes an (obere Reihe des Schaubildes), ein klares Bild erhält man aber nur aus der Aufspaltung der Indexzahlen nach ihrem Saison- und ihrem Konjunkturanteil. Mit der "Saison-Komponente" wird jener Teil des Wirtschaftsgeschehens gefaßt, der aus bestimmten Gründen – Jahreszeit und Witterung, Lage der Feste und Verbrauchsgewohnheiten – in jedem Jahr regelmäßig wiederkehrt: Nach dem Abklingen der Frostperiode der Aufschwung der Bauwirtschaft, im Frühling die Belebung der modeabhängigen Industrien, im Hochsommer in fast allen Zweigen stille Geschäftstätigkeit infolge der Ferien, zum Herbst hin die Vorbereitungen der Verbrauchsgüterindustrien zum Weihnachtsgeschäft usw.

Schaltet man die saisonalen Schwankungen aus, so bleiben Kurven übrig, die neben dem langfristigen Trend und allen Zufälligkeiten die konjunkturelle Entwicklung wiedergeben. Wir erkennen (Schaubild untere Reihe) den steilen Anstieg der industriellen, Produktion ("Wiederaufbau – Konjunktur") bis Mitte 1951 – in der reinen Verbrauchsgüterindustrie nur bis zum Frühjahr 1951 –, die Flaute im Herbst 1951 und seither eine gegenläufige Entwicklung der Investitionsgüterproduktion und der Verbrauchgüterproduktion. Im Schnitt aller Industriegruppen ergibt sich für die Zeit vom November 1951 bis Mai 1952 ein "Treten auf der Stelle das erst in den beiden Sommermonaten von einer leichten Belebung abgelöst wird. Im Bereich der Verbrauchsgüter (und hier vornehmlich der Textilien) hat sich die konjunkturelle Lage gefestigt. Eine ähnliche Festigung ist mit wenigen Ausnahmen auch im Grundstoffbereich und im Bergbau- und Energiebereich festzustellen. Wenn die nächsten Monate aber nicht mehr als die ohnehin zu erwartende lebhaft? saisonale Belebung bringen, wird die Industrieproduktion im ganzen Jahr 1952 nur eine sehr magere "Fortschrittsrate" von 4 bis 5 v. H. gegenüber 1951 aufweisen – eine wenig befriedigende Entwicklung, wenn man bedenkt, daß die industrielle Produktion den größten und reagibelsten Posten des Sozialprodukts darstellt.