Von Edmond Lutrand

Paris, Ende August

Schwer lastet die sommerliche Hitze über Paris. Die Luft flimmert, und im Dunst ist selbst der Eiffelturm kaum noch sichtbar. – Ich war in die Stille eines Vororts geflüchtet; ich saß auf einer Terrasse, die Lenôtre angelegt hatte, und drunten schimmerte die Seine. Plötzlich Motorengeräusch. Mit Hornissengebrumm schwirrten kleine Flugzeuge heran. Einsitzige, offene Maschinen. Die Piloten winkten freundlich, als wollten sie sich für die Störung entschuldigen. Sie flogen dicht über dem Fluß. Gewandt landeten sie auf dem nahe liegenden Flugplatz –

Ich setzte mich in den Wagen und fuhr hinüber. Ich sah, daß sie vor einem Schuppen haltmachten. Die Piloten wechselten sich ab, schon schwebten die Maschinen wieder in der Luft und zogen ihre Kreise. Kamen große, viermotorige Verkehrsmaschinen vorüber, dann war es, als ob ein Spatzenschwarm vom Schatten eines Adlers aufgeschreckt flüchtete. Eilig strebten sie fort, schlossen sich dann wieder zu Gruppen zusammen und glitten von neuem an den Hügeln vorüber. Und schließlich hörte ich, daß hier die Mitglieder der Aviatic-Clubs beim Training waren.

Sportfliegerei. Ich habe mir die Maschinen angesehen. Man möchte sie am liebsten in die Tasche stecken und mit nach Hause nehmen. Sie sehen wie Spielzeug aus.

Amateure haben sie gebaut. Und der Motoi? Einer der Jungen sagte: "Ach was! Das ist einfach ein Volkswagen-Motor!" – "Wie bitte?" – Und dann erzählten sie...

Nach dem Kriege hatten diese Burschen versucht, mit ihren geringen Mitteln wieder die Sportfliegerei aufzunehmen. Holz, Leichtmetall und was sonst noch dazu gehört, war nicht schwer zu finden. Die Schwierigkeit bereitete "bloß" der Motor. Woher nehmen? Womit bezahlen? – Da fanden diese Jungen, daß auf den Autofriedhöfen in manchem "Volkswagen", den die Besatzungstruppen zurückgelassen hatten, der Motor noch lief! Der luftgekühlte Motor – vielleicht konnte er sich für das Flugzeug eignen? Und die Jungen haben es bewiesen! Über vierhundert Typen fliegen heute in Frankreich mit diesem Motor. "Bébé-Jodel" – so lautet ihr Name. Bébé – das bedarf keiner Erläuterung; Jodel – das ist der Name des Konstrukteurs, der die Flugzeugpläne entwarf. Er konstruiert jetzt serienmäßig in einer kleinen Fabrik bei Dijon diese winzigen Flugzeuge. Es ist allerdings ein "Trick" dabei, der – dessen bin ich sicher – in Deutschland viel Nachahmung finden wird, sobald die Deutschen erst wieder fliegen dürfen. Der "Trick" geht so: Man kann für 60 Mark die Konstruktionszeichnungen erhalten, und in den Klubs können sich kleine Werkgemeinschaften bilden, um "ihr" Bébé zu bauen. Flugbegeisterte junge Menschen, Studenten oder Handwerker, bauen sich ihr Flugzeug für ungefähr dreitausend bis viertausend Mark, und wenn man zu viert oder fünft daran beteiligt ist, bekommt man die Summe schon zusammen. Mitunter gibt der Klub auch seinen Teil dazu.