Wir hörten:

Im musikalischen Nachtprogramm des NWDR gab Siegfried Borris, Schüler und Kollege Paul Hindemiths an der Berliner Musikhochschule, einen reizvoll instruktiven Beitrag zum Thema "Programmatik in der neuen Musik". Da hörte man zwei "Temperamente" aus Hindemiths Thema mit vier Variationen: die grübelnde Musik des Melancholikers, des Sanguinikers, der sein leichtes Blut im schnellen Walzer beweist... Die Tangorhythmen aus Milhauds "Saudades do Brasil" waren ein apartes Beispiel brasilianischer Folklore... Und aus Hermann Reutters streng gregorianischer "Passion" erklang die "Gefangennahme": Schritte der Wache, in musterhaft präzisem Musikausdruck: näher, näher, schneller, näher, härter, drohender – leiser werdend, weiter, monoton sich entfernend; die Hoffnung geht mit den Schritten. Mit den klug gewählten Kompositionen stützte Borris einleuchtende Thesen: daß die moderne Musik ihre "Inhalte" – soweit diese überhaupt die Vorherrschaft der Musizierformen noch zu brechen vermögen – aus drei Bereichen nimmt – aus der choreographischen Vorstellung des Balletts nämlich (Strawinsky!), aus Folklore und Religion. – Zum näheren Verständnis neuer Musik sind solche Sendungen unerhört wichtig; ebenso wichtig ist aber auch, daß sie so vorzüglich sind wie diese.

Wir werden hören:

Donnerstag, 4. September, 20.40 im SWF: "Der Schritt ins Weltall, Utopie und Wirklichkeit." Vorerst die Utopie: 1970 – das erste Raumschiff kehrt aus dem All zur Erde zurück. Zukunftsreporter ist Ernst von Khuon. Anlaß zu diesem phantastischen Bericht, den wir achtzehnJahre zu früh hören werden, gibt aber die Wirklichkeit: die 3. internationale Tagung der Föderation austronautique.

21.30 aus Stuttgart: Die "Schule der Aufregung" beginnt. Wer wird sie versäumen, da gleich das erste Pensum "mehrmals täglich eine größere Dosis Sensation" verspricht? Edward J. Masons brillanttes Kriminalhörspiel mag Bremer und Münchner Hörern noch als "Patricia und die Juwelen" in aufregender Erinnerung sein. Ab jetzt gilt: Es ist unmöglich, vom Süddeutschen Rundfunk nicht gefesselt zu sein ...

Freitag, 5. September, 23.00 vom SWF: Rino Sanders, den "Zeit"-Lesern als junger Lyriker und Erzähler bekannt, schrieb zwei Gedichtszyklen, "Freundschaft"; ihre neuartige Form deutet der SWF mit dem Titel an, den er der Sendung gab: "Kosmologische Impressionen". – Im Anschluß: Kompositionen Béla Bartóks. Carl Seemann spielt Improvisationen über ungarische Volkslieder, Meisterstücke der modernen folkloristischen Musik; vom ausgezeichneten Vegh-Quartett hören wir das fünfte und vollendete seiner Streichquartette (es entstand 1934).

Sonnabend, 6. September, 18.00 im NWDR: Einen internationalen Musikwettbewerb, der "die musikalische Jugend der Welt zu einem Konzert in des Wortes ursprünglichem Sinn" einlädt, veranstalten die westdeutschen Rundfunkstationen unter dem Protektorat ihrer Intendanten vom 2. bis 17. September in München. Junge Künstler am Klavier, an der Orgel, auf Violine und Violoncello, zeigen ihr Können vor einer auserlesenen Jury (zu Messiaen, Egk, Orff, Monique Haas, Mainardi...gehören). Der NWDR bringt bereits jetzt Ausschnitte aus dem musikalischen Wettstreit.