Was die Dividende anbelangt, ist der Aktionär in den zurückliegenden Jahren das Stiefkind der Wirtschaft und vor allem der Prügelknabe der Steuergesetzgebung geworden. Die Beträge, die die Gesellschaften für soziale Aufwendungen bereitstellen, stehen in keinem Verhältnis zu den Summen, die der Aktionär als Verzinsung seines Kapitals erhält. Selbst bei Verlustabschlüssen wird der Belegschaft eine Weihnachtsgratifikation und dergleichen kaum vorenthalten, der Aktionär jedoch, der eigentliche Besitzer des Unternehmens, geht leer aus. Ja, man geht in gewissen Kreisen sogar so weit, die Dividende "als solche" bereits als etwas Unanständiges zu betrachten. Dabei spukt das böse Schlagwort vom "arbeitslosen Einkommen" noch in manchen Köpfen. Es kann deshalb als ein typisches Zeichen unserer Zeit angesehen werden, wenn kürzlich ein Vertreter der Schutzvereinigungen darum bitten mußte, doch zu erwägen, wie man freiwillige soziale Aufwendungen und jene Beträge, die der Aktionär erhalten soll, in ein bestimmtes Verhältnis bringen könne.

Deswegen ist in den Börsensälen jedes Wort willkommen, das dem Aktionär sein Daseinsrecht bescheinigt. So hat kürzlich der Hamburger Bankier Hermann Schilling (Brinckmann, Wirtz & Co.) auf zwei Hauptversammlungen vernehmlich verkündet: "Wir wissen, daß es für den – Aktionär kein befriedigender Zustand ist, seit langen Jahren ohne Verzinsung geblieben zu sein. Schließlich trägt der Aktionär das Risiko und hat also auch Anspruch auf Dividende!" Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, welche Dämme die Steuergesetze vor der Dividende aufgerichtet haben. Wenn eine Gesellschaft bei einem AK von 4 Mill. DM bei einer Dividende von nur 5 v. H. vorher 0,8 Mill. DM (davon gehen 0,6 Mill. ans Finanzamt) erwirtschaften muß, dann drückt das zwangsläufig auf die Dividendenfreudigkeit, abgesehen davon, ob dieser Betrag überhaupt zur Verfügung steht oder nicht.

Hier muß der Hebel zur Belebung des Kapitalmarktes angesetzt werden. Wenn man sich schon nicht entschließen kann, die für den Aktionär diskriminierende Steuergesetzgebung völlig aufzuheben, so sollte man sich doch zu einem Kompromiß bereitfinden und eine Mindestdividende von 4 bis 6 v. H. denselben steuerlichen Bedingungen unterwerfen, wie man es bei den freiwilligen sozialen Aufwendungen tut. Das wäre ein Akt der Gerechtigkeit und der Vernunft, um den man nicht herumkommt, wenn dem heutigen Gesetzgeber tatsächlich daran liegt, den privaten Kapitalmarkt wieder gesunden zu lassen, -ndt.