In Hamburg finden zur Zeit die Deutschen Kegler-Meisterschaften auf Bohlenbahn statt und vom 19. bis 21. September wird in Dortmund auf der Scherenbahn gekämpft.

Als Dreikäsehoch mußte ich jede Woche einmal meinen Vater zu dem obligaten Kegelabend in den Dorfkrug begleiten. Meine damals als Kegelbube verdienten ersten Groschen sind mir noch heute in angenehmster Erinnerung, und wenn der alte Herr, was gelegentlich auch vorkam, beim Jahresabschlußkegeln den saftigen Festbraten gewann, herrschte zu Hause eitel Freude. Als Tertianer gehörte ich einem selbstgegründeten Kegelklub an, und unter dem Protektorat des in einer Rötelzeichnung schmissig an die Kalkwand unseres Kegelkellers geworfenen großen Schweigers und Denkers, Hellmuth v. Moltke (selbst begeisterter Kegelbruder) trugen wir unsere Kämpfe aus. Sein berühmtes "Erst wägen, dann wagen" mahnte uns immer wieder, nicht "zu doll draufloszuschieben", und es war das Geheimnis unserer Erfolge auch in späterer Zeit. Das letztemal kam ich mit dem Kegelsport in eine nähere Berührung durch die absurde Idee meines Regimentskommandeurs, der sich ausgerechnet im tiefsten Rußland, an der Lovat-Front, von uns ohnehin geplagten Landsern eine Kegelbahn bauen ließ, weil er im Gegensatz zu seinen Soldaten nicht allzuviel Gelegenheit zu körperlicher Betätigung hatte. Dies verleidete mir die Freude an der Sache.

Nun locken die Deutschen Meisterschaften, und es müßte ein schlechter Kegelbruder sein, wer ihren Sirenenklängen nicht folgte. Was für den Reiter das Knirschen der Sättel ist (nach Detlev v. Liliencron "das schönste aller Lieder"), bedeutet für den Kegler das dumpfe Grollen der über die Bahnen rollenden Kugeln. Das versteht nur, wer selbst einmal diesem uralten germanischen Spiel gehuldigt hat. In der ältesten christlichen Zeit erfreute es sich größter Beliebheit vornehmlich bei den Knaben, die die Dämonen in Gestalt der Klötze, von denen einer auch immer den Namen "Jupiter" trug, durch das Werfen von Kugeln austreiben wollten. Später wurde dieses unterhaltsame Spiel mehrfach verboten, weil man es, da es noch keinen Fußball-Toto gab, auch zu großen Wetten benutzte. Heute kann man das nicht mehr, und die Kegelbrüder sind auch immer noch Amateure reinsten Wassers. Sogar in Amerika, wo ja fast alles professionalisiert wird und "bowling" besonders hoch im Ansehen steht.

Der Deutsche Keglerbund (schon im Jahre 1885 als einer der ersten Sportverbände gegründet) hat es in zäher Arbeit verstanden, dem Kegeln alles Anrüchige und Zweifelhafte zu nehmen und es von einem lustigen zu einem gesunden Sport für alt und jung, für Männer und Frauen zu entwickeln. "Sportkegler" nennen sich mit Recht daher auch alle, die dieses Spiel nicht nur als amüsante Unterhaltung, sondern als eine ernsthafte Leibesübung betreiben. Die anderen Sportler haben keine Veranlassung, scheel auf die Kegler herabzusehen, denn Kegeln stellt an seine Anhänger genau so große körperliche wie geistige Anforderungen wie sie etwa der Tennisspieler, der Turner oder der Reiter auf sich nehmen muß. Nur wer ständig an sich arbeitet, um zu einer ausgesprochenen Feinheit der Technik zu gelangen, kann im Kampfe der Besten bestehen. Da muß der Aufsatz der Kugel genau abgewogen werden, der Druck und der Schwung, dem man ihr gibt, genau berechnet sein. Das einfache Drauflosbollern ist sinnlos und unsportlich zugleich. Auf unseren Kegelbahnen wird genau so ernsthaft im Einzel- wie im Mannschaftswettbewerb gekämpft wie auf irgendeinem Fußballfeld, einer Aschenbahn oder einer Regattastrecke. W. F. Kleffel