Nach mehrmonatigen Verhandlungen hat die deutsche Handelsmission mit Brasilien nun ein Abkommen zur Mobilisierung der deutschen Guthaben abgeschlossen. Da Brasilien eine Abgeltung seiner Schulden in Dollars nicht möglich ist, sollen jetzt die Importe aus Brasilien um 20 v. H. erhöht werden, wobei die Anpassung der brasilianischen Preise an das niedrigere Weltmarktniveau durch Subventionen erfolgen soll. Trotzdem dürfte die Realisierung eingefrorenen deutschen Kapitals noch ein bis zwei Jahre erfordern.

Das Bild des deutschen Außenhandels entspricht nicht der seit einigen Monaten günstigen Handelsbilanz, deren Überschüsse auf der Abwicklung vorjähriger langfristiger Kontrakte sei diesjähriger Importverminderung, beruhen. Seit einem halben Jahr sind die Eingänge von Exportaufträgen rückläufig, denn die Kaufkraft in den "Rohstoffländern" hat abgenommen. Infolge der in vielen Ländern herrschenden inflatorischen Tendenzen sind die Produktions-, Lohn- und Lebenshaltungskosten in den letzten zwei Jahren sprunghaft gestiegen, während die Warenpreise am Weltmarkt sich verminderten, die Absatzschwierigkeiten sich vermehrten und die Gewinne aus der "Korea-Zeit", teils in Vorratslägern angelegt, zum Teil aber auch verwirtschaftet wurden. Nun bewirkt das geschrumpfte Deviseneinkommen, daß fast täglich in alle Welt neue Importsperren für Industriegüter erlassen werden, während man sehr wenig neue Anreize zum Einkauf von Grundstoffen schafft. Hierin unterscheiden sich die Maßnahmen der Rohstoffländer auch grundsätzlich von denjenigen der Industrieländer mit ihren vielseitigen Exportförderungsmaßnahmen – und zwar auch dort, wo im Falle der "Währungsblocks" die einen mit den anderen identisch sind.

Bei gesunkenen Preisen haben die Grundstoffe erst in Einzelfällen den Vor-Korea-Stand erreicht, – der übrigens nunmehr (da die Produktion gestiegen ist) als überhöht zu gelten hat. Vor allem haben dazu die fiktiven Devisenrelationen seither noch weiter entwerteter Währungen beigetragen, wodurch die meisten Länder in ein groteskes Mißverhältnis zwischen Währungsparität und tatsächlicher Währungskaufkraft im Vergleich zu Dollar oder DM geraten sind. Nachdem die hektischen Kriegskonjunkturen, Verknappungen und Produktionsmängel in aller Welt überwunden zu sein scheinen und der Nachholbedarf (relativ zur Kaufkraft) weitgehend gedeckt ist, muß sich nun ein Normalisierungsprozeß auch bei den Währungsrelationen vollziehen. Es ist freilich zweifelhaft, ob die bittere Medizin der Deflation und der Konsumbeschränkung den Patienten nicht umbringt, wenn damit nicht gleichzeitig Voraussetzungen für die Leistungssteigerungen und echte Kaufkraftbildung geschaffen werden: Sie bestehen zumeist aus dem Export von Kapital und Kapitalgütern sowie von billigeren Konsumgütern der Grundstoffländer. Ohne solche Voraussetzungen dürfte die Wirtschaft und der Außenhandel von Weichwährungsländern nie aus der Schraube herausfinden, durch allgemeine Steuern oder durch Preisaufschläge auf Importe den Export zu subventionieren, also die Inflation ständig vorzutreiben. Bis zur Normalisierung der Wirtschafts- und Währungspolitik aber werden Guthaben bei bilateralen Partnern wohl nur unter solchen speziellen Maßnahmen zu mobilisieren sein, wie sie jetzt zwischen der Bundesrepublik und Brasilien verhandelt wurden.

Danach sollen die laufenden deutschen Exportkontrakte mit Brasilien (im Werte von etwa 70 Mill. Dollar) um 20 v. H. verteuert werden, wobei der Aufschlag dann von der Bank deutscher Länder dazu verwendet wird, den Preis brasilianischer Lieferungen um den gleichen Betrag zu verbilligen. Die Auflösung der bereits angesammelten deutschen Guthaben (im Werte von rund 50-Mill. Dollar) soll durch den Bezug von Baumwolle verschiedener Qualität zu einem "Mischpreis" erfolgen, der etwa zu 25 v. H. von brasilianischer Seite zu subventionieren wäre, damit aber noch immer um 5 v. H. über Weltmarktniveau (!) läge. Bisher ist es noch ungewiß, welche Mengen und Preise endgültig vereinbart wurden. Die Vereinbarungen sollen unabhängig von der Einführung freier Devisenkurse und Preise für nebensächliche Erzeugnisse, unter Beibehaltung fixierter Währungsparitäten für hauptsächliche Produkte, durch Brasilien erfolgen. Wenn die vorsichtigen Schritte Brasiliens zu "echten Verhältnissen" auch zu begrüßen sind, so dürfte es doch sehr schwierig sein, die hohen Außenstände der BdL (die sie bei etwa 80 v. H. der Lieferungen vorfinanzierte) mit der gebotenen Dringlichkeit wiedereirizubringen. Sehr ähnlich wie bei Brasilien deuten die Anzeichen auch bei der Türkei, Uruguay, Japan und einigen Ostblockländern auf Swing-Überschreitungen, so daß sich aus der Ansammlung eingefrorener Vorfinanzierungen ein spürbarer Inflationsdruck auf die DM ergäbe.

Nach den Erfahrungen mit Brasilien werden die deutschen Exporteure sehr vorsichtig sein, Geschäfte mit Ländern an der Swing-Grenze zu tätigen, also Exportüberschüsse zu erarbeiten, oder nicht über die BdL vorfinanzierte Kontrakte abzuschließen. So hemmt die Geheimhaltung des Saldenstandes durch die BdL den Export in "riskante" Länder – praktisch nach allen Nicht-Dollar- oder Nicht-EZU-Ländern – und beeinträchtigt so die private Export- und Kapital-Initiative. Mit der Verschlechterung von Exportbedingungen, wie sie sich von allen Seiten her nachgerade häufen, wird der deutsche Außenhandel nun auch von innen auf die "untere Linie" gezwungen. Gewiß übt der Käufermarkt einen Rationalisierungszwang auf die "inflatierten" Volkswirtschaften aus mit ihren vielfach übertriebenen Industrialisierungs- und Erschließungsprojekten – und mit ihren originellen Auffassungen vom Wohlfahrtsstaat. Aber die gegenwärtige Schrumpfung des Weltaußenhandels deutet bisher weniger auf eine wachsende Erkenntnis und Entwicklung besserer Wirtschaftsmethoden, als auf den Versuch, das alte Schema zu retten: weniger billige Importe bei gesteigerter, aber teurer Eigenerzeugung mit "ausgleichender Kaufkraftschöpfung" (durch sogenannte Sozialprogramme mit Notenbankfinanzierung).

Ebenso wie übersteigerte Konjunkturen bremsende internationale Maßnahmen verlangen, bedarf die Stagnation des Welthandels fordernder Vereinbarungen, Methoden und Institutionen – noch ehe sich aus der zunehmenden Unbewegliche keit der Außenwirtschaft internationale krisenhafte Schrumpfungen und Zahlungseinstellungen ergeben. Erfordert schon das EZU-System hohe Refinanzierungen bis zum Saldenausgleich, so kann die Entwicklung wirtschaftlich (und wirtschaftspolitisch) unterentwickelter Länder erst recht nicht solcher Hilfe entraten. Gerade aus Exportüberschüssen in Form von vorfinanzierten, aber eingefrorenen Außenständen bei bilateralen Partnern ergibt sich die Tendenz zur Ausweitung des Geldvolumens wie auch zur Drosselung von "überschreitenden" Exporten und damit von Produktionen. Kein Land kann seinen Außenhandel aufstocken und sich Export- oder Importüberschüsse leisten – soweit sie unter "echten Verhältnissen" gerechtfertigt sind – ohne die Möglichkeit, exportiertes oder importiertes Kapital etwa über ein internationales Garantieinstitut diskontierbar anlegen zu können. Wenn sich zur Zeit der Korea-Hausse mit den Weichwährungsländern internationale Abkommen treffen ließen, um den Welthandel zu regulieren, so erscheint es denkbar, auch die Übertreibungen der "unteren Linie" auf gleiche Weise zu beheben. Die Herstellung von vertrauenswürdigen Wirtschafts- und Währungsverhältnissen wäre bei den heute erreichten ausgeglichenen Märkten ohne Marshall-Pläne durchführbar und erscheint nun durchaus in die Kompetenz des Weltwährungsfonds gerückt. EOG.