Von H. G. v. Studnitz

Stuttgart, Anfang September

Wenn sich der IV. Deutsche Evangelische Kirchentag dem Motto "Wählt das Leben" verschrieb, so konnte er schwerlich einen besseren Verkündungsort wählen als die schwäbische Landeshauptstadt. Begünstigt von strahlend sonnigem Wetter mit langen, warmen Abenden, die im Zauber eines gedämpften Mondlichts standen, zeigte sich das sommerlich prangende Stuttgart von seiner besten Seite. Das Ausstellungsgelände auf dem Killesberg mit seinen in die Dauergartenschau eingebetteten Glashallen, seinen springenden Wasserkünsten und seiner unvergleichlichen die Stadt mit ihren Rebenhügeln überblickenden Lage bot eine Kulisse großartiger Lebensfreude. Aus dem Kobalt der modernen Stahlkonstruktionen, dem Weiß-Orange der riesigen Sonnenmarkisen ragten die vielen Kirchen- und Landesfahnen wie die Paniere eines mittelalterlichen Konzils. Der zweite Hauptversammlungsort, die auf dem Cannstatter Wasen am Ufer des Neckars errichtete Zeltstadt, wirkte demgegenüber nüchterner und improvisierter. Die Verbindung zwischen den beiden Punkten aber führte mitten durch die Stadt, wo im Ehrenhof des ausgebrannten Neuen Schlosses am Abend des 26. August in Anwesenheit von 70 000 Menschen der Eröffnungsgottesdienst gehalten wurde. Ein größerer Kontrast war kaum denkbar. Hier die unter dem Zeichen eines riesigen Kreuzes versammelte, zu dem Klang von über hundert Posaunen einen Choral anstimmende Menge der Gläubigen, dort getrennt durch den nur wenige Steinwürfe breiten Schloßplatz der brausende Verkehr auf der nächtlichen Königsstraße, der Hauptschlagader der Stadt. Das Wunderbare aber bestand darin, daß beide sich nicht berührten. Wie der Raum einer Kathedrale umhüllte der dreiseitig von den noblen Fassaden des 18. Jahrhunderts umschlossene, der Stadt offen zugekehrte Schloßhof Liturgie und Predigt, nach einem geheimnisvollen Gesetz der Akustik allen Straßenlärm von den Andächtigen fernhaltend.

Die Eindrücke dieses fünf Tage währenden Kirchentreffens lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Die evangelische Kirche Deutschlands ist als geistige Macht immer noch lebendig und gebietet – so schien es – ohne jede Mühe über große Kräfte. Das bestätigte nicht so sehr die hier wie auf jedem Kirchentag anwesende erhebliche Zahl prominenter in- und ausländischer Gäste, sondern die Zusammensetzung des Kirchenvolkes. Wenn das Ausbleiben der aus der Sowjetzone erwarteten Teilnehmer auch als eine schmerzliche Lücke empfunden wurde, so trafen sich hier doch Angehörige aller deutschen Stämme. Dafür sorgten schon die zahlreich anwesenden Flüchtlinge. Daß die Kirche wieder lebt, zeigte schließlich die in großer Zahl eingetroffene Jugend, die etwa ein Drittel aller Teilnehmer ausmachte.

Bischof Dibelius gebrauchte daher ein treffendes Bild, wenn er sagte, er komme sich in Stuttgart so vor wie ein staatlicher Forstmeister, der einmal Gelegenheit habe, in ein Naturschutzgebiet zu reisen und dem sein waidmännisches Herz aufgehe, wenn er nun sehe, daß es nicht nur Baumbestände gebe, sondern noch einen richtigen deutschen Wald, in dem alles so wachse, wie es der liebe Gott gegeben habe. Aus der Sowjetzone wären statt der von Grotewohl zugesagten 20 000 nur 35 Teilnehmer erschienen. Ihre Referate fanden um so mehr Beachtung, obschon sie mit großer Zurückhaltung gegeben wurden. Die Formulierung Bischof Haugs: "Gott kann mit seinem Wort alle Grenzen überspringen, auch ohne Interzonenpaß", zeigt die Stärke des evangelischen Glaubens in der Sowjetzone.

Im übrigen stand der Kirchentag im Zeichen eines erfrischenden Freimutes. Schon Bundespräsident Heuss nahm kein Blatt vor den Mund, wenn er in seiner Begrüßung erklärte, die Besinnung auf die Gemeinsamkeit werde durch die Theologen nicht immer leicht gemacht. Seine engeren Landsleute, die gastfreudig 40 000 Freiquartiere zur Verfügung gestellt hatten, erinnerte er daran, daß trotz der Tradition des schwäbischen Pietismus das Reich Gottes in Württemberg noch nicht angebrochen sei. Auch Dr. Reinhold von Thadden, der Laienpräsident des Kirchentages, fand ein gutes Leitwort, wenn er warnte, in Stuttgart eine Art kirchlicher Olympiade zu sehen, und daran erinnerte, daß die Freiheit, in der wir "noch immer leben dürfen", ganz unverdient sei. Der gleiche frische, die Dinge beim Namen nennende Ton zeichnete die Vorträge und Diskussionen in den fünf Arbeitsgruppen aus, die das kirchliche Gespräch aus aktueller Thematik zu gestalten suchten und im Mittelpunkt der von Gottesdiensten, Ausstellungen, Dichterlesungen, Bühnenaufführungen, Festabenden, seelsorgerischen Gesprächen und Bibelbotschaften eingerahmten Veranstaltungen standen. Die Arbeitsgruppen versammelten sich in mehrere tausend Personen fassenden Zelten und erfreuten sich eines Zuspruchs, der alle Erwartungen übertraf. Die Hauptthemen lauteten "Leben in der Kirche", "Leben in der Familie", "Leben im Volk", "Leben in der Arbeit", "Leben im Dorf".

Die gefundenen Formulierungen waren teilweise sehr prägnant, zumal wenn sie von Laienseite kamen und mit der Praxis der Theologen ins Gericht gingen. So wurde das "Pastorendeutsch" heftig, kritisiert und verlangt, daß in der Kirche, als der Heimat des Christen, keine Fremdsprache gesprochen werden dürfe. Eine große Rolle spielten Erziehungsprobleme. ‚Der junge Mensch soll sein Leben bejahen, nicht das der Diva oder das eines gefeierten Sporthelden." Indem man den Kindern Frühreife und Scheinmündigkeit zuspreche, schaffe man Wesen, die "halb Kindskopf, halb Haushaltungsvorstand" seien. In der Frage "Wem gehört der Betrieb?" kreuzten Dr. Seeling, Augsburg, und Präses Kreyssig, Magdeburg, die Klingen. Seeling sprach sich für den hierarchischen Aufbau im Betrieb aus und verlangte, daß die Sachwertgrundlage eines Betriebes dem Eigentümer gehören solle, wenn es auch keinen Zweifel darüber geben dürfe, daß der Betrieb nicht Eigentum an seinen Menschen und ihren Kräften erwerben könne. Kreyssig stellte an den Westen die Frage, warum er bei seiner Verurteilung der ostdeutschen Bodenreform kein besseres Beispiel einer Siedlungspolitik gegeben habe, denn in Westdeutschland seien noch immer 280 000 Bauernfamilien ohne Land.

Das stärkste politische Referat hielt Bundestagspräsident Ehlers. Er stellte neun Thesen auf. Unter anderem sagte er, nicht die Macht als solche sei böse, sondern ihr Mißbrauch. Ferner: Es ist uns nicht befohlen, durch christliche Vokabeln politische Ziele überzeugungskräftiger zu machen. Das Wissen um die Belanglosigkeit von Weltanschauungen und Ideologien entbinde nicht von der Verpflichtung, die Welt nüchtern zu sehen. Der Westen sei nicht besser als der Osten, aber es gebe im Osten Kräfte, die alles, was nach Gottes Willen menschliche Würde und christliche Freiheit sein solle, vernichten und zerstören.

Während Kirchenpräsident Niemöller seine Teilnahme abgesagt hatte, versuchte die Gruppe um den früheren Bundesinnenminister Heinemann, Propst Gruber und Pfarrer Mochalsky ohne Erfolg, einen Aufruf gegen die Wiederbewaffnung zu lancieren. Von den Referaten ausländischer Teilnehmer war das von Mr. Korantlug von der Goldküste besonders aufschlußreich. Er erklärte, die Arbeit der christlichen Mission in Afrika stehe heute in Gefahr, wieder zerstört zu werden, weil die in Europa studierenden afrikanischen Studenten erschüttert über den materialistischen Geist und die Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche zurückkehrten.

Am letzten Tage – dem Sonntag – traten mehr als 200 000 Teilnehmer unter den alten Eichen des an den früheren Berliner Tiergarten erinnernden Stuttgarter Rosensteinparks zur Hauptversammlung und Abschlußkundgebung zusammen. Hier sprach nach dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis als erster der Präsident des Kirchentages, R. von Thadden-Trieglaff. Er forderte die Laien auf, das Wort Gottes von Mann zu Mann weiterzugeben. "Alle politischen Krisen unserer Zeit", so sagte er, "sind religiöse Krisen und vielleicht Krisen der Kirche. Uns ist hier klar geworden, daß wir persönlichen Anteil haben und darum eine persönliche Verantwortung mittragen, die uns verpflichtet."

Das "Wort des Kirchentages" verlas Pfarrer Giesen: "Die Völker stehen ratlos vor der Zukunft. Sie ist das Reich, wo Friede und Gerechtigkeit regieren. Darum widersprechen wir denen, die mit Systemen ein solches Reich meinen erzwingen zu können. Es wird nicht gelingen. Wir stellen uns den politischen und – sozialen Spannungen und suchen das, was Gott uns befiehlt. In manchen Fragen sind wir nicht alle zur gleichen Antwort gekommen, aber wir trauen einander zu, daß jeder sie beantworten will vor einem gemeinsamen Gott."

Damit schloß der 75. Evangelische Kirchentag in Stuttgart. Er hat viel dazu beigetragen, das christliche Leben in der evangelischen Kirche aktiver zu gestalten.