Das stärkste politische Referat hielt Bundestagspräsident Ehlers. Er stellte neun Thesen auf. Unter anderem sagte er, nicht die Macht als solche sei böse, sondern ihr Mißbrauch. Ferner: Es ist uns nicht befohlen, durch christliche Vokabeln politische Ziele überzeugungskräftiger zu machen. Das Wissen um die Belanglosigkeit von Weltanschauungen und Ideologien entbinde nicht von der Verpflichtung, die Welt nüchtern zu sehen. Der Westen sei nicht besser als der Osten, aber es gebe im Osten Kräfte, die alles, was nach Gottes Willen menschliche Würde und christliche Freiheit sein solle, vernichten und zerstören.

Während Kirchenpräsident Niemöller seine Teilnahme abgesagt hatte, versuchte die Gruppe um den früheren Bundesinnenminister Heinemann, Propst Gruber und Pfarrer Mochalsky ohne Erfolg, einen Aufruf gegen die Wiederbewaffnung zu lancieren. Von den Referaten ausländischer Teilnehmer war das von Mr. Korantlug von der Goldküste besonders aufschlußreich. Er erklärte, die Arbeit der christlichen Mission in Afrika stehe heute in Gefahr, wieder zerstört zu werden, weil die in Europa studierenden afrikanischen Studenten erschüttert über den materialistischen Geist und die Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche zurückkehrten.

Am letzten Tage – dem Sonntag – traten mehr als 200 000 Teilnehmer unter den alten Eichen des an den früheren Berliner Tiergarten erinnernden Stuttgarter Rosensteinparks zur Hauptversammlung und Abschlußkundgebung zusammen. Hier sprach nach dem gemeinsamen Glaubensbekenntnis als erster der Präsident des Kirchentages, R. von Thadden-Trieglaff. Er forderte die Laien auf, das Wort Gottes von Mann zu Mann weiterzugeben. "Alle politischen Krisen unserer Zeit", so sagte er, "sind religiöse Krisen und vielleicht Krisen der Kirche. Uns ist hier klar geworden, daß wir persönlichen Anteil haben und darum eine persönliche Verantwortung mittragen, die uns verpflichtet."

Das "Wort des Kirchentages" verlas Pfarrer Giesen: "Die Völker stehen ratlos vor der Zukunft. Sie ist das Reich, wo Friede und Gerechtigkeit regieren. Darum widersprechen wir denen, die mit Systemen ein solches Reich meinen erzwingen zu können. Es wird nicht gelingen. Wir stellen uns den politischen und – sozialen Spannungen und suchen das, was Gott uns befiehlt. In manchen Fragen sind wir nicht alle zur gleichen Antwort gekommen, aber wir trauen einander zu, daß jeder sie beantworten will vor einem gemeinsamen Gott."

Damit schloß der 75. Evangelische Kirchentag in Stuttgart. Er hat viel dazu beigetragen, das christliche Leben in der evangelischen Kirche aktiver zu gestalten.