An einem politisch heißen Sommertage des Jahres 1948 erschienen der Amerikaner Bedell Smith, der Brite Frank Roberts und der Franzose Chataigneau im Moskauer Außenministerium. Sie hatten Noten ihrer Regierungen zum Berliner Blockadethema zu übergeben und um direkte Besprechungen mit Stalin zu bitten. Der wenig bekannte stellvertretende Außenminister Walerian Zorin empfing sie. Er überflog die Noten und erklärte, er sähe in ihnen weder eine Änderung des Standpunktes der Westmächte noch irgendeinen Anhaltspunkt dafür, daß sich eine Unterhaltung mit dem Regierungschef nutzbringend gestalten könnte. Mit der üblichen Versicherung, daß die Noten weitergeleitet würden, beendete er die Unterredung. Nur wenige Worte waren gewechselt worden.

Den Diplomaten fröstelte es, als sie das Gebäude verließen, so eisig war die Atmosphäre gewesen. Ein hintergründiger Mensch, dieser Zorin, und immer geneigt, Zensuren zu erteilen, was wohl mit seiner Vergangenheit als Pädagoge zu erklären ist. Erst vor wenigen Wochen war sein Name in einer Sitzung des Sicherheitsrates in New York gefallen. Der auf die Emigrantenseite übergetretene Tscheche Papanek hatte ihn beschuldigt, in den Prager Putsch zugunsten der Kommunisten eingegriffen zu haben. Ein Veto der Sowjetunion verhinderte die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses.

Der die ganze Welt erregende Gewaltakt in Prag war vorzügliche politische Generalstabsarbeit mit seiner geschickten Ausnutzung der Tatsache, daß die nichtkommunistischen Minister zurückgetreten waren, und den Massenaufmärschen, die den erschöpften Benesch zum Nachgeben gegenüber dem lodernden "Volkswillen" nötigten. Zorin kannte das Terrain infolge seiner Botschaftertätigkeit an der Moldau während der Nachkriegszeit. Jahrelang hatte er bolschewistische Theorie und Taktik gelehrt und studiert. Im Falle Benesch bot sich ihm eine einzigartige Gelegenheit, die klassischen Regeln des revolutionären Kampfes zur Anwendung zu bringen. Sein zehntägiger Aufenthalt "wegen der sowjetischen Getreidelieferungen" in den turbulenten Prager Februartagen hat sich für Moskau gelohnt. Was bedeutete es da schon, daß sich Zorin knapp ein Jahr vorher in Genf entrüstet gegen jede Einmischung in die inneren Verhältnisse anderer Staaten gewandt hatte.

In den wenigen Reden, mit denen Zorin bisher auf internationalen Tagungen hervortrat, fanden "Verschwörung", "Verleumdung" und andere Wendungen aus dem sowjetischen Tagesjargon zur Kennzeichnung der westlichen-Politik reichlich Verwendung. Er liebte es, beim Ablesen seiner Erklärungen einzelne Sätze durch scharfes Erheben der Stimme zu unterstreichen. Das wirkt so, als ob er wie früher auf dem Katheder Strenge walten lassen wolle.

Die kommunistische Moral sorgt dafür, daß ein Zorin niemals einen inneren Bruch zu empfinden braucht. Das große Wissen, das er sich aneignete, verhalf ihm zu seinem Aufstieg vom Komsomol über die Partei zum Ministerium. Trotz Prag ist die Haltung dieses Altersgenossen von Malenkow nicht eigentlich revolutionär. Man kann auch als Bolschewist und Anstifter von Verschwörungen jenseits der eigenen Grenzen ein trockener Philister sein. Der ungelenke und wortkarge Zorin hat bei den Vereinten Nationen kaum Aussicht, durch Charme zu entzücken. Malik, obwohl er ängstlich auf eine forsche Einhaltung der Kreml-Linie bedacht war, erwarb gewisse persönliche Sympathien. Der Mangel an menschlicher Wärme, der den Nachfolger auszeichnet, ist ein Zeichen dafür, in welcher Temperatur die Sowjets ihr Verhältnis zu der New Yorker Weltinstitution zu halten gedenken. Hat doch Malenkow schon einmal die Frage aufgeworfen, ob Moskau noch eine weitere Mitarbeit in diesem Gremium verantworten könne. Harald Laeuen