Ernst Legal ist von der Leitung der Ostberliner Staatsoper zurückgetreten, die er seit 1945 innehatte. Er ist zurückgetreten, nicht "gegangen worden". Das ist ein Zeichen, wie nötig ihn das Regime brauchte, wenn es den Anschein kultureller Leistungen wahren wollte, aber auch ein Zeichen, wie sehr heute schon das Interesse an einer Kulturfassade hinter dem Zwang zur totalen Gleichschaltung zurückstehen muß. Die Unparteilichkeit, sagt Legal in seiner Erklärung, sei ihm nun nicht mehr gewährleistet.

Als der kleine alte Mann mit dem kahlen, birnenförmigen Schädel, als Regisseur wie als Schauspieler von subtilem Feingefühl, universell gebildet, ein erfahrener Theater-Taktiker, 1945 das Erbe der Linden-Oper übernahm, hatte er die Staatskapelle und Sänger wie Erna Berger, Margarete Klose, Peter Anders. Er konnte aus dem Vollen wirtschaften. Glanzvolle Inszenierungen folgten einander unter Keilberth, unter Leopold Ludwig, unter Johannes Schüler. Heute ist die Oper im Admiralspalast eine Provinzbühne. Die Währungsdifferenz lockte die Künstler weg, die sowjetische Kontrolle engte den Spielplan ein. Legal hielt aus, solange er es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Er wußte, daß man ihm sein Ausharren im Westen verdachte. Aber er wußte, was er tat. Sein Wirken war Widerstand im Rahmen des Möglichen.

Nur einige Tatsachen als Beleg: Legal brachte die Uraufführung von Hindemiths "Mathis der Maler", einem Werk, das die Freiheit des Künstlers fordert und deshalb auch von der SED-Presse abgelehnt werden mußte. Er brachte "Dantons Tod" von Gottfried von Einem mit dem Jubel der Massen beim Untergang des freien Individuums – ein Hohn auf das System, das das Werk bald vom Spielplan absetzen ließ. Und zum siebzigsten Geburtstag Stalins brachte er "Boris Godunow" in der Urfassung, in der der Idiot das letzte Wort hat: Die Despoten kommen und gehen – armes russisches Volk!

Zu Stalins siebzigstem Geburtstag! Das war der Intendant Legal. –ter