In Berlin spricht man nur von "der Zone". Denn es gibt auch für den Westberliner nur eine "Zone": die Sowjetzone. Alles, was "Westzone" heißt, ist auch dem Durchschnitts-Westberliner aus Geldgründen unerreichbar. Die Sowjetzone "umbrandet" als Rotes Meer die Insel Berlin.

Ich kam direkt aus London nach Berlin. Welcher Unterschied zwischen den beiden Weltstädten: Jenseits des Kanals die tatsächliche Insel, die keine mehr ist, die auch nach wie vor Opfer bringt für die künftige prosperity, welche man – beinahe abergläubisch – von einer neuen Queen-Regierung erwartet. Königinnen brachten England immer Glück. Alle Volksschichten blicken also hoffnungsfreudig auf die Queen. In Westberlin auch ein gemeinsamer Blick aller in eine Richtung: in die "Zone". Man blickt nicht nur, man starrt wie hypnotisiert dorthin. Und ist doch noch fähig, etwas zu tun für diese Zone und vielleicht damit für die Gesamtheit der Menschheit.

Kann man es sich praktisch vorstellen, daß dieses Berlin eines Tages aus der Zone ausgeklammert sein sollte? Es gibt freilich viele Anzeichen dafür. Warum zum Beispiel hat die S-Bahn verschiedene Endstationen plötzlich nicht mehr im Westsektor, sondern in der Zone? Und warum darf kein Westberliner ohne Sondergenehmigung mehr in die "Zone"? Die Züge, die voriges Jahr in Lichterfelde-Süd oder Staaken endeten, fahren nun weiter bis Teltow oder Falkensee. Man sieht die Züge fast leer hinausfahren.

Einige Menschen allerdings dürfen noch über die Zonengrenze fahren. Es sind die Menschen aus der Sowjetzone selbst. Insofern segnen viele die S-Bahn. Denn gesamtdeutsche Begegnungen können immer noch in Berlin stattfinden. "Man traf sich wieder in Berlin", heißt es im Sonntagsblatt vom 17. August über den Luthertag in Berlin, der den Ostleuten ein wenig das ersetzte, was sie auf der großen lutherischen Weltkonferenz in Hannover nicht erleben durften, weil die Pässe nicht erteilt wurden.

Warum werden eigentlich nicht noch viel mehr solche Treffen veranstaltet, solange es noch möglich ist? Es brauchten doch nicht immer nur die Kirchen zu sein, die darin wirklich Großes geleistet haben (Evangelischer Kirchentag 1951, Katholikentag 1952). Man sollte doch endlich Berlin als Treffpunkt aller Treffpunkte betrachten und sollte Geld mitnehmen aus dem Westen für solche Treffen. Aber in Westdeutschland gibt es nur wenige Menschen, die Berlin als einzige Möglichkeit dafür erkannt haben. Wer von uns fährt überhaupt nach Berlin, wenn er nicht geschäftliche oder familiäre Gründe hat? Man sollte aber um des Treffens willen dorthin gehen.

Dreißig Frauen aus der Sowjetzone waren es, die ganz privat für mehrere Tage mit uns zusammen kamen. Wir, das waren die Ausländerinnen und ich als einzige Westdeutsche. Zunächst schien es, als wenn ich die ganze Anklage, alles Mögliche und Notwendige am Osten bisher versäumt zu haben, auf mich nehmen sollte? Aber je länger wir zusammen waren, um so heller wurden die Gesichter, weil auch die Ostfrauen allmählich erkannten, daß ihr Schicksal ins Gesamtgeschehen unserer Zeit gehört. Aber wer hätte gedacht, daß so schnell alle Schwere abfallen würde von diese geplagten Frauen, daß sie sogar noch gesunden Humor aufbringen könnten? –. "Genossinnen, nachdem wir kollektiv ideologisch ausgerichtet sind, bitte ich Sie, sich einstimmig zu erheben, unser Klassenbewußtsein zu entfalten und unseren Feinden im Westen ein ‚Freundschaft für immer‘ zuzurufen!" Dabei hatte gerade die Sprecherin, die unsere Zusammenkunft eröffnete, vorher einen Brief ihrer Tochter gezeigt, die schon seit 1948 eingekerkert ist und schrieb: ".. – Mutti und Vati, seid immer tapfer, schont Euch und bleibt gesund. So oft hat mir schon der Wahlspruch geholfen, denkt auch Ihr daran: Gott hat geholfen, Gott hilft, Gott wird helfen! ... Meine Mutti, zu Deinem Geburtstag hast Du hoffentlich diesen Brief. Versprich mir, daß Du nicht um mich weinst. Nimm meine innigsten Glückwünsche hin und vergib mir, wenn ich Dir weh getan habe, als ich noch zu Hause war. – Vati, steh Mutti gut bei. Ich bin doch so stolz auf meine jungen tapferen Eltern, die mir so wundervolle Kameraden waren. Als solche möchte ich Euch wiederhaben. Muß Euch noch mitteilen, daß ich vom sowjetischen Militärgericht zu 25 Jahren Arbeitslager wegen Spionage bzw. Mitwissenschaft verurteilt worden bin. Hoffe dennoch, daß Fortuna mir hold und ich bald bei Euch sein darf!..." Und dann hatte die Mutter erzählt, wie sie die Tochter einmal fünfundvierzig Minuten hatte sprechen dürfen. Sie hatte hinter einer Barriere gestanden. Im Moment war die Mutter sehr benommen gewesen, denn die Tochter hatte Wasser im Gesicht und in den Füßen. Nachher habe sie die alten Gesichtszüge dann und wann wiedergefunden. Die ersten Worte waren gewesen: "Jetzt muß meine Mutter mich im Zuchthaus besuchen, alles wegen einer Lüge von NN." "Konntest du dich nicht verteidigen?" "Ja, wenn ich zur Denunziantin geworden wäre." – "Du hast recht, das gibt es in unserer Familie nicht."

Eine andere Frau aus der Sowjetzone erzählt, wie regelmäßige Sendungen aus Westdeutschland ihren Kindern körperlich und seelisch geholfen haben. Die kleineren Kinder hätten so gut zugenommen, daß sie das Normalgewicht erreicht haben. Sie betont besonders, daß die westliche Hilfsbereitschaft für ihren vierzehnjährigen Jungen ein gutes Gegengewicht sei gegen die Parolen, die er täglich in der Schule zu hören bekäme. Die beiden größeren Kinder versichern der Mutter immer wieder: "Mutti, sowie es uns gut geht, helfen wir auch Menschen, die in Not sind!"