Die Erkenntnis, daß ein Volk auf die Dauer nur soviel verzehren oder investieren kann wie es laufend produziert, ist uralt. Demgegenüber kann die Methode, das Sozialprodukt zahlenmäßig zu erfassen, nur auf eine Tradition von wenigen Jahrzehnten zurückblicken. Noch jünger ist die Verwendung derartiger Berechnungen als wichtiges Werkzeug der Wirtschaftspolitik. Hier sind die angelsächsischen Länder seit geraumer Zeit führend. Auch die Bundesrepublik bemüht sich gegenwärtig, ihre wirtschaftsstatistische Apparatur dem neuen Bedarf anzupassen; freilich beansprucht ein solcher Aufbau Zeit. Es kann daher nicht wundernehmen, daß die westdeutsche "Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung", wie diese Berechnungen in Deutschland genannt werden, gegenwärtig noch Lücken aufweist (beispielsweise fehlen die ergänzenden Einkommensberechnungen) und bisher nur halbjährlich veröffentlicht wird.

Bei dieser Sachlage unternahm das DIW Anfang 1951 den Versuch, die vorhandenen Lücken durch Entwicklung zweckentsprechender Schätzungs- und Fortrechnungsmethoden auszufüllen. Das nachfolgend verwandte Zahlenmaterial ist der seit diesem Zeitpunkt vom Institut laufend veröffentlichten vierteljährlichen "Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" für die Bundesrepublik entnommen.

Das westdeutsche Sozialprodukt (nach Abzug der Abschreibungen, preisbereinigt,) ist im Jahr 1949 um 11 v. H., im Jahr 1950 um 27 v. H., im Jahr 1951 aber nur um 4, 4 v. H. angewachsen. Im laufenden Jahre wird, wenn die bisherige Entwicklung anhält, die Zuwachsrate nur noch 2 bis 3 v. H. betragen. Diese Verlangsamung des wirtschaftlichen Aufstiegs war nicht etwa produktionstechnisch bedingt; vielmehr sind in weiten Bereichen der Wirtschaft, insbesondere innerhalb der Verbrauchsgüterwirtschaft, noch genügend freie Kapazitäten vorhanden. Auch für die etwa erforderliche Einfuhr zusätzlicher Rohstoffe stehen ausreichende Devisenbeträge zur Verfügung. Was fehlt, ist das dem wirtschaftlichen Aufstieg günstige "konjunkturelle Klima".

Eine Diagnose der wirtschaftlichen Entwicklung seit dem Abklingen der Korea-Hausse ergibt folgenden Befund: Bei einer Steigerung des Sozialprodukts binnen Jahresfrist (1. Hj. 1952 gegenüber 1 Hj. 1951) um etwa 4 v. H. hat der reale Verbrauch der Bevölkerung nur um 2 v. H., der Aufwand für Bauvorhaben und Vermehrung der Produktionsanlagen ("Neuinvestitionen") sogar nur um 1 v. H. zugenommen. Demgegenüber ist der Staatsverbrauch um 5 v. H., die Ausfuhr um 14 v. H. gestiegen. Für den freiwilligen oder "unfreiwilligen" Aufbau, der Lager wurden im ersten Halbjahr 1952 erheblich größere Beträge abgezweigt als ein Jahr zuvor (nämlich 3,7 Mrd. DM statt 3,1 Mrd. DM). Es handelt sich bei allen diesen Angaben wohlgemerkt um die reale Entwicklung des Sozialprodukts – die Preisbewegung wurde also ausgeschaltet. Nominal hatte die Steigerung des Sozialprodukts mehr als doppelten Umfang.

Diese Daten bedürfen für den Einbau in eine konjunkturelle Analyse einer sorgfältigen Interpretation. So muß die geringe Steigerung des Verbrauchs der Bevölkerung zu der Einkommensentwicklung in Beziehung gesetzt werden. Hier zeigt sich, daß die sogenannten Masseneinkommen, d. h. im wesentlichen die Löhne und Gehälter sowie die Einkommen der zahlreichen Kategorien der Unterstützten, seit Jahresfrist zwar nominell stark zugenommen haben (netto +13 v. H.), daß aber ihre reale Kaufkraft durch die beträchtlich gestiegenen Lebenshaltungskosten (+7 v. H.) erheblich beeinträchtigt wurde. Es kommt hinzu, daß nach einem mit der Korea-Hausse zusammenhängenden Tiefstand der Spartätigkeit der Zuwachs der Spareinlagen bei den Kreditinstituten und den Sparkassen seit Ende 1951 wieder recht hoch war. Auch die "Kassenhaltung" der privaten Haushaltungen hat sich, wie aus dem stark gestiegenen Notenumlauf geschlossen werden kann, erheblich vermehrt. Diese, zumindest relativ, (d. h. im Vergleich zum Tiefstand) stark gewachsene Spartätigkeit mußte konjunkturell hemmende Einflüsse auf das Wachstum des Sozialprodukts ausüben, soweit sie nicht durch entsprechend gesteigerte Investitionstätigkeit kompensiert wurde.

Dies war nun, sofern man nur die Anlageinvestitionen betrachtet, nur sehr unzureichend der Fall (– anders steht es bei der Lagerhaltung und dem Ausfuhrüberschuß, die noch gesondert behandelt werden). Im Rahmen der geringen Zunahme dieser Investitionen (+1 v. H.) nahm die private Investitionstätigkeit sogar erheblich ab, während die öffentliche Investitionstätigkeit stark anwuchs (Wohnungsbau, Besatzungsinvestitionen), Die Abnahme der privaten Investitionstätigkeit steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Einkommen der Selbständigen und der Unternehmungen. Diese haben sich, ihrer nominellen Höhe nach und nach Abzug der Steuern, binnen Jahresfrist kaum verändert –, ihrer realen Kaufkraft nach ist aber ein starker Rückgang zu verzeichnen. Allerdings hatten die Einkommen Anfang 1951 im Zusammenhang mit der Korea-Hausse einen recht hohen Stand erreicht. In konjunktureller Hinsicht ist aber stets die zeitliche Entwicklung, nicht der hohe Ausgangsstand entscheidend. Von den Einkommen der Selbständigen und der Unternehmungen fand ein ziemlich unveränderter Anteil (knapp die Hälfte) für private Verbrauchszwecke Verwendung. Real bedeutet dies eine Einengung des Verbrauchs. Für den Rest des Unternehmereinkommens läßt sich nachweisen, daß die Mehrzahl der Unternehmer bestrebt war, die erzielten Gewinne nicht wieder "ins Geschäft zu stecken", sondern in Form von Bankeinlagen oder vermehrter Kassenhaltung (gegebenenfalls auch bei geringerer Kreditnahme) flüssige zu halten.

Diesen Tendenzen, die das Wachstum des Sozialprodukts ebenfalls hemmten, wirkte die Entwicklung des Außenhandels stark entgegen. Wir sahen, daß gerade das Volumen der Ausfuhr in dem betrachteten Zeitraum eine erhebliche Zunahme aufwies (+14 v. H.). An sich müßte eine solch gewaltige Steigerung der Ausfuhr – bei nicht in gleichem Maße zunehmender Einfuhr – das Wachstum des Sozialprodukts im expansiven Sinne beeinflussen, da ja zu der inländischen – der Höhe des Sozialprodukts entsprechenden – Kaufkraft der Bevölkerung die in dem Ausfuhrüberschuß zum Ausdruck kommende zusätzliche ausländische Nachfrage hinzukommt. Tatsächlich wurde aber der hier fällige konjunkturelle Auftrieb durch die geschilderte Neigung der Unternehmer zur Konsolidierung mehr als ausgeglichen.