Es ist in diesen Jahren oft Gelegenheit gewesen, Jacob Burckhardts Stoßseufzer über die "schrecklichen Vereinfacher", die terribles simplificateurs, zu wiederholen. Daß so schrecklich vereinfacht wird, liegt aber auch daran, daß die Verhältnisse sich so ungeheuerlich kompliziert haben. Was zu Burckhardts Zeit, um 1880, noch einfach schien: der Nutzen der Wissenschaft, der Segen der Kunst, der hohe Wert der Freiheit – das alles hat seither ein doppeltes Gesicht bekommen. Was gut ist und was schlimm für die Menschen und Völker, mißt sich nicht mehr nach den simplen Maßstäben des alten Europa. Klare Fronten – rechts und links etwa in der Politik, traditionell und "modern" in der Kunst – haben sich durch den Fortgang der Ereignisse vermischt, und es zeugt eher von Verblendung als von Einsicht, wenn man sich darauf verbeißt, sie wiederherzustellen.

Wovon aber zeugt es, wenn jemand gar versucht, so die Fronten neu zu formieren, daß alle, die die Zwiespältigkeit unserer Welt erkannt haben, als Böcke dastehen und die Vereinfacher als Schafe? Die Brandreden und Brandfackeln gegen den "zersetzenden" Geist in der Literatur sind noch zu deutlich in der Erinnerung, als daß man über den Sinn solcher Frontbildung zu rätseln brauchte. Auch dann nicht, wenn die Namen der Fronten ausgewechselt werden und die "Zersetzung" unter der neuen Kennmarke "Ambivalenz" angeprangert, die "artgemäße Dichtung" nunmehr als Literatur der "Einfalt" auf den Schild gehoben wird.

Das ist das Unternehmen des ehemals in Fachkreisen gut angesehenen Literarhistorikers Hermann Pongs, der unter dem gleichfalls nach 1933 klingenden Titel "Im Umbruch der Zeit" soeben von der Göttinger Verlagsanstalt eine kritische Übersicht über das "Romanschaffen der Gegenwart" verlegen läßt. Professor Pongs hat sich einen Maßstab geschnitzt, den er an die Weltliteratur des Romans seit Joyce anlegt: er unterscheidet solche, die im "Höllenlicht der Ambivalenz" stehen (dahin gehören Kafka, Gide, Sartre, Thomas Mann, Julien Green, aber auch Heimito von Doderer, Norman Mailer, Walter Jens, Hanns Henny Jahn, Heinz Risse), von solchen, die den "Ruf nach Einfalt" erheben, den recht eigentlich deutschen Dichtern, unter denen Hans Grimm – jawohl, Hans Grimm! – mit seiner "charakterhaften Einfalt" voransteht, während Ernst Jünger zwar zur Zeit von "In Stahlgewittern" noch "frei von Ambivalenzen" war, jedoch während des zweiten Weltkrieges "ins Verhängnis unbewußter Ambivalenzen hineingetrieben" wurde. Denn: "Wer mit äußerster Bewußtheit die Ambivalenzen der Zeit aufzuspüren unternimmt, wird selber ambivalent."

Daß sich "mit Worten trefflich streiten läßt", bemerkte schon Professor Mephisto. Professor Pongs hat für seine Zwecke das Wort "Ambivalenz" als Streitaxt geschliffen. Aber was ist Ambivalenz? Der Psychiater Bleuler sprach zuerst davon, um damit die "Zwiewertigkeit" starker Effekte zu bezeichnen, zum Beispiel der starken Liebe, die in Haß umschlagen kann. Ambivalent ist der Rausch, der Fanatismus, die Begeisterung – das haben wir so reichlich erfahren, daß das Wort ambivalent längst über seinen psychiatrischen Bereich hinausgewachsen ist. Wir erkennen die Ambivalenz des religiösen Eifers, der revolutionären Politik, ja sogar die des einsamen künstlerischen Schaffens. Wir durchschauen die Ambivalent unserer eigenen Impulse. Wir täuschen uns keine Simplizität mehr vor, wo wir an die Grundfragen des Lebens rühren.

Insofern hat es einen gewissen guten Sinn, unsere Gegenwart eine "Zeit der Ambivalenzen" zu nennen. Aber nur deshalb, weil sie den vermeintlich eindeutigen Dingen auf ihren zweideutigen Grund gekommen ist und also ehrlicher mit sich selbst verfährt als das Zeitalter der großen Worte, dessen Verkünder die Ambivalenz von Erscheinungen wie Rasse, Volk, Ordnung, Führertum nicht wahrhaben wollten. Professor Pongs, diesem Zeitalter von "Hitlers Arbeiterstaat" nachtrauernd, müßte eigentlich sehen, daß auch Einfalt eine ambivalente Eigenschaft ist. Denn wenngleich manche Einfältigen eher ins Himmelreich kommen als manche, die mit ihren Ambivalenzen spielen, so sind doch andere Einfältige ungemein tauglich zu Instrumenten der Apparate, die ihnen das irdische Himmelreich verheißen.

Indem Professor Pongs, ein Beobachter von Scharfsinn und gutem Überblick über die neueste Romanliteratur (obwohl er Heimito von Doderers so großartige "Strudlhofstiege" beharrlich "Struglhofstiege" nennt und sie, unter völligem Übersehen ihrer wunderbar einfältigen Mädchengestalten, in die "Joyce-Nachfolge" der hemmungslosen Ambivalenz stellt) – indem er, die ambivalenten Böcke von den einfältigen Schafen sondernd, ein Jüngstes Gericht über die Autoren hält, verrät er sich als Nachtrab einer "Bewegung", die mit dem "Intellekt" zugleich auch der Wahrhaftigkeit die Treue aufgesagt hatte.

Christian E. Lewalter