Zwei Männer haben die Geschichte Südafrikas in den letzten fünfzig Jahren gemacht: Jan Smuts und Daniel Malan. Der Zufall fügte es, daß sie beide im gleichen Ort, nämlich in Riebeck West, in der Kap-Provinz geboren wurden, und beider Eltern waren Buren und Farmer. Gleichwohl waren die beiden Familien grundverschieden. Vater Smuts, der seinen Wahlkreis als Abgeordneter im Kap-Parlament vertrat, strahlte von Temperament und Lebensfreude. Vater Malan dagegen, zäh und ausdauernd, gleichzeitig aber kühl und phlegmatisch, lebte als das Vorbild eines frommen Christen der Reformierten Kirche. Selbst von Hugenotten stammend, heiratete er die Tochter einer Familie gleicher Herkunft, Anna Magdalena du Toit, und dem kleinen Landhaus, das auf ihrer Farm stand, gaben die jungen Eheleute den für calvinistische Haltung bezeichnenden Namen: "Alles verloren."

Im strengen Glauben erzogen sie ihren am 22. Mai 1874 geborenen ältesten Sohn, der den Namen seines Vaters Daniel François erhielt. Wie Jan Smuts wurde auch Daniel Malan in der Sonntagsschule von Riebeck-West und später auf dem Viktoria-College in Stellenboesch erzogen. Dann trennten sich ihre Wege. Smuts ging nach Cambridge, um Jurist zu werden, Malan nach Utrecht, um Theologie und Philosophie zu studieren. Als die Buren den Krieg gegen England verloren hatten, gerieten sie vollends in Gegnerschaft, denn Smuts entschloß sich zur Zusammenarbeit mit den Engländern, während Malan seine pfarramtliche Tätigkeit aufgab, um für die Befreiung Südafrikas von der englischen Herrschaft zu kämpfen. Für ihn war Südafrika das von Gott für die Buren bestimmte Land und der englische Einbruch eine Auflehnung gegen den göttlichen Willen. Diese aus calvinistischem Geist geborene politische Lehre begann der ehemalige Pfarrer und Kanzelredner Daniel Malan ins Land zu tragen. Und als er 1919 von der Stadt Calvinia ins Parlament gewählt wurde, war sein erster und erfolgreicher Antrag, die Verfassung der Südafrikanischen Union durch den bedeutungsvollen-Satz zu ergänzen: "Das Volk der Union erkennt die Souveränität und die Führung des allmächtigen Gottes an."

So unversöhnlich jedoch die Auffassungen von Jan Smuts und Daniel Malan in der Englandpolitik waren, so gleichartig waren sie in der Bejahung der Suprematie des weißen Mannes. Beide waren sich darin einig, daß die 8,5 Millionen Neger kein Wahlrecht erhalten dürften, sondern im Parlament durch drei von der Regierung ernannte weiße Abgeordnete vertreten werden sollten. Einig waren sie auch in der Ablehnung eines allgemeinen Wahlrechtes für die 365 000 in der Südafrikanischen Union lebenden Inder, bis die Regierung Smuts diesen "Asiaten" schließlich eine Interessenvertretung durch drei von ihnen zu wählende weiße Parlamentsabgeordnete anbot, ein Angebot, das von den Indern zurückgewiesen wurde. Auch die 1,04 Millionen Mischlinge besitzen grundsätzlich kein Wahlrecht, bis auf jene 55 000 durch Besitz und Bildung privilegierte in der Kap-Provinz, denen dieses Recht verfassungsmäßig im Jahre 1910 zugebilligt worden war. Die Politik der Rassentrennung (Apartheid) ist keine Erfindung Manaus, sondern mehr oder weniger. Gemeingut der 2.6 Millionen Weißen, mögen sie der gegenwärtig am Ruder befindlichen "Nationalistischen Partei" des Ministerpräsidenten Malan oder der oppositionellen "Vereinigten Partei" angehören, deren Führung nach dem Tode von Jan Smuts der Rechtsanwalt Jacobus G. M. Strauß übernommen hat.

Während aber die "Vereinigte Partei" keine neuen Rassenschranken zu errichten wünscht und auch bereit ist, in gewissen Fragen von untergeordneter Bedeutung Zugeständnisse zu machen, will Malan nichts von Zugeständnissen wissen, Er kann sich hierbei auf die von der Synode der Reformierten Kirche der Union niedergelegte Antithese, zu der UNO-Erklärung über die Menschenrechte berufen, in der festgestellt wird: "Der Mensch erhält alle seine Rechte und Vorrechte durch die Gnade Gottes. Die UNO-Deklaration über die Menschenrechte fordert, daß jeder das Recht auf Teilnahme an der Regierung seines Landes besitzt. Sie übersieht hierbei die große Verantwortung dieser Aufgabe. Der Bürger, der nicht voll entwickelt und geistig zurückgeblieben ist, so daß er seine Verantwortung nicht begreifen kann, ist nicht zu diesem Vorrecht berufen." Malan hat das gleiche mit anderen Worten ausgedrückt: "Was Gott getrennt geschaffen hat, darf nicht vereinigt werden." Sicher ist Malan die Wahlberechtigung der Mischlinge in der Kap-Provinz ein Dorn im Auge. Als er aber vor Jahresfrist das Wahlrecht der Mischlinge ändern wollte, richtete sich diese zu einer ernsten Verfassungskrise führende Gesetzesvorlage nicht dagegen, daß die Mischlinge wählten, sondern wie sie wählten. Sie hatten nämlich bei früheren Wahlen ihre Stimmen den Kandidaten der englisch orientierten "Vereinigten Partei" gegeben, die dadurch in vielen Wahlkreisen der Kap-Kolonie siegte. Wenn aber diese Mischlinge nach dem Gesetzentwurf nur vier eigene weiße Kandidaten als ihre Interessenvertreter wählen dürfen, dann verliert die Oppositionspartei eine nicht unbeträchtliche Zahl von Sitzen im Parlament, und der Sieg der "Nationalistischen Partei" bei den im kommenden Jahr stattfindenden Wahlen wäre sichergestellt. Dieser Sieg ist aber die Voraussetzung für die erfolgreiche Fortsetzung des Kampfes für das Gottesreich des weißen Mannes in Südafrika. Die Kräfte, auf die sich Malan in diesem Wahlkampf verlassen kann, sind: das Burentum, die Deutschen in der Union und in dem ehemaligen Deutschsüdwestafrika, die Macht der Reformierten Kirche und die Furcht der 2,6 Millionen Weißen vor einem Aufstand der Farbigen. Daniel Malan, der Calvinist und Idealist, glaubt fest an den Sieg seiner Sache, denn er ist davon überzeugt, daß er der Vollstrecker des Willens des Allmächtigen ist.

Ernst Krüger