Von maßgebender Seite des Kohlenbergbaus wurde das Mitbestimmungsgesetz gegen Mitte 1952 als "für die Entwicklung unseres Sozialwesens von sehr großer Bedeutung" bezeichnet. Die Grundgedanken lassen sich wie folgt zusammenfassen: "Wir müssen die große Aufgabe erkennen, zu der wir in Deutschland berufen sind. Sie besteht darin, dem bolschewistischen Terror, dem unsere Brüder im Osten ausgesetzt sind, die Freiheit und Selbstverantwortung entgegenzusetzen. Nur dadurch, daß wir die Freiheit erkämpfen, können wir einen Wall in den Herzen der Menschen gegen den Bolschewismus errichten. Jenseits des Eisernen Vorhangs haben die Menschen nach Befehl zu arbeiten. Wir haben demgegenüber die Verpflichtung, unsere abendländische Kultur zu verteidigen. Die Verteidigung liegt darin, zu erkennen, daß alle Menschen selbst für das, was sie tun, für sich und ihre Familie verantwortlich sind. Diesen Gedankengang müssen wir in unseren Betrieben in die Tat umsetzen. Wenn wir das tun, dann werden wir unsere Beschäftigten zu Mitarbeitern heranziehen; dann werden wir ihnen zeigen, was Menschenrechte sind und was Menschenwürde bedeutet; nämlich die Mitmenschen nicht nach ihrer Stellung, sondern lediglich auf Grund ihrer Persönlichkeit und ihres Könnens zu beurteilen. Dazu gehört, daß sie auf Grund dieser persönlichen Eigenschaften auch vorwärtskommen können. Zu allen Zeiten konnte sich der Bergmann im Ruhrgebiet innerhalb einer Generation vom, Hauer bis zum Leiter eines Unternehmens emporarbeiten. Dies ist insbesondere für unsere heutige Zeit notwendig, und wir müssen uns bemühen, dieser Aufstiegsmöglichkeit zum Zuge zu verhelfen. Es darf nicht so sein, daß die Zugehörigkeit zu einer Organisation – ob es nun die Gewerkschaft ist oder eine andere Einrichtung oder die gesellschaftliche Stellung der Eltern oder der Geldbeutel des Vaters – ausschlaggebend dafür ist, wohin der einzelne Bergmann gestellt wird. Wir müssen das ganze Problem unseres Betriebslebens, wie das Leben jedes einzelnen, von christlicher Schau aus sehen und unter den Begriff der Verantwortung stellen. Der Bergbau hat Ende 1951 in freiwilliger Verantwortung eine Familienhilfe eingeführt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, daß so etwas auch ohne Gesetz und ohne einen großen Verwaltungsapparat möglich ist."

Mitbestimmung in der Praxis

Auf der HV einer bekannten linksrheinischen Bergwerksgesellschaft wurde über die Anwendung des Mitbestimmungsgesetzes durch den Unternehmervertreter u. a. ausgeführt: "Über die Bewährung von Aufsichtsrat und Vorständen ist es schwer, nach so kurzer Zeit ein endgültiges Urteil abzugeben. Differenzen grundsätzlicher Art sind nicht eingetreten; über die zentralen geschäftlichen Fragen usw. wurde gemeinsam gesprochen und darüber Beschluß gefaßt. Wenn (– so wurde weiter gesagt –) bei allen Erwägungen lediglich die Interessen des Unternehmens gesehen werden, dann gibt es keine Unterschiede in der Auffassung darüber, was dem Unternehmen nützlich und zweckdienlich ist. Die Unternehmerinitiative, die bei den Organen einer Aktiengesellschaft liegt, kann und muß erhalten werden. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Sicherung des Arbeitsplatzes, das Wohlergehen der Beschäftigten, die Berücksichtigung der volkswirtschaftlichen Belange sowie das wirtschaftliche Ergebnis der Arbeit miteinander in Einklang zu bringen sind. Dann werden nicht nur die Belegschaften zufrieden sein, sondern auch die Aktionäre."

Über das Verhältnis der Gesellschaftsorgane zur Belegschaft wurde am gleichen Ort u. a. gesagt: "Es ist Tradition, daß sich die bei uns Beschäftigten geborgen fühlen ... Neben der materiellen Sicherstellung halten wir die Pflege der menschlichen Beziehungen untereinander und zum Werk für die wichtigste Aufgabe... Wir wünschen, daß die Arbeitnehmerschaft auf der ganzen Linie zur Mitarbeit herangezogen wird und sich als Mitarbeiter fühlt, so daß jeder einzelne konstruktiv bei der Entwicklung unseres Unternehmens mitarbeiten kann ... Weiterhin ist es erforderlich, daß jeder einzelne für seinen Arbeitsbereich die Verantwortung spürt und hat... Ferner ist Vertrauen untereinander und zueinander notwendig ... Wir tragen dem Grundsatz der Menschenwürde in unseren Betrieben weitgehend Rechnung."

Nach den Ausführungen des Arbeitsdirektors einer Bergwerksgesellschaft vor den Bergarbeitern ist "eine enge Zusammenarbeit nicht nur innerhalb des Vorstandes erforderlich, sondern auch innerhalb der gesamten Belegschaft". Nicht schematisch soll der Bergarbeiter seine Arbeit tun, er müsse mitdenken. "Ich liebe bis heute meinen Beruf, obwohl er oft hart und schwer gewesen ist." Der Arbeitsdirektor erklärte zum Schluß seiner Ansprache: "Betrachtet mich nicht als den verlängerten Arm des Betriebsrates; ich bin Vorstandsmitglied."

Betriebssoziale Leistungen

Die im Kohlenbergbau beschrittenen neuen Wege stützen sich auf ein Fundament schöpferischer Erfahrungen und auf umfangreiche betriebssoziale Leistungen aus der Vergangenheit. Gerade der betrieblichen Sozialpolitik hat der westdeutsche Steinkohlenbergbau von jeher besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So verfügt er heute über 111 Erholungsheime, 102 Kindergärten, 33 Kinderhorte und 163 Nähstuben. 158 Büchereien mit 170 000 Bänden kommen dem Lese- und Bildungsbedürfnis der Belegschaften entgegen. Fast die Hälfte aller Zechen beschäftigt eigene Werksärzte, und über ein Drittel aller Zechen besitzt eigene Gesundheitshäuser. In 70 Berglehrlingsheimen und 5 Pestalozzidörfern haben vor allem solche Berglehrlinge Aufnahme gefunden, die aus Flüchtlingsgebieten stammen. Der Berglehrling verdient während seiner Ausbildung mehr als jeder andere Lehrling, und zwar monatlich bei 25 Schichten und einem Lehrbeginn im Alter von 14 (15, 16) Jahren im ersten Lehrjahr über Tage 138 (165, 192) DM, ein Betrag, der sich im dritten Lehrjahr unter Tage auf 238 (266, 294) DM steigert. In den Lehrbetrieben und Berufsschulen werden zur Zeit 21 000 Berglehrlinge und Bergjungarbeiter ausgebildet. über 1600 Bergleute besuchen kostenlos die Bergschulen, deren Absolvierung ihnen den Aufstieg zum Grubenbeamten bis zu den höchsten Stellen im Bergbau eröffnet. Über 60 000 Heimatvertriebene sind durch den deutschen Steinkohlenbergbau in den vergangenen Jahren als Neubergleute in Arbeit und Brot gekommen.