Innen- und Kultusministerium von Rheinland-Pfalz haben, einem Beispiel der Regierungen von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen folgend, die ihnen unterstellten Behörden angewiesen, alle politischen Fragebogen aus den Personalakten der Beamten und Angestellten zu entfernen. Das ist eine vorzügliche Maßnahme, und man darf hoffen, daß alle anderen Länder der Bundesrepublik sie bald nachahmen werden.

Hiermit wird ein Kapitel geschlossen, das nicht eben zu den ruhmreichsten der Nachkriegszeit gehört. Als die Alliierten Deutschland zur bedingungslosen Kapitulation zwangen, um an Stelle bestehenden Rechtes neues Recht einführen zu können, da brachten sie den Fragebogen mit, und damit stellten sie das Recht auf den Kopf. Jeder einzelne Deutsche war nunmehr in den Anklagezustand versetzt und galt – was jeglicher zivilisierter Rechtsauffassung Hohn spricht – so lange als schuldig, bis er seine Unschuld nachgewiesen hatte. Um dies zu vollbringen, wurde ihm ein Fragebogen überreicht.

"Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit", so schrieb Anatole France, "verbietet Armen und Reichen gleichermaßen unter Brücken zu schlafen und Brot zu stehlen." Aber, so dürfen wir hinzufügen, es verbietet dem Richter nicht, sich dieser Tatsache bewußt zu sein und sein Urteil danach einzurichten. Der Fragebogen aber war dazu ausersehen, genau so mechanisch perfekt zu funktionieren wie eine Guillotine. Er sollte die individuelle Beurteilung eines Falles ausschalten.

In der Praxis sah das oft anders aus. Es gab reizende, menschlich denkende Offiziere der Besatzungsmächte, die sich über solche Vorschriften, die sie selber abscheulich fanden, mit einer leichten Handbewegung hinwegsetzten. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß verhältnismäßig bald an allen Universitäten, Hochschulen und Akademien deutsche Studenten immatrikuliert werden konnten, obgleich ihre Fragebogen, was die Zugehörigkeit zu HJ, Partei, SA oder SS betraf, nicht immer so sauber waren, wie die Eiferer unter den Alliierten dies verlangten. Allerdings war solche Großzügigkeit nicht die Regel, und mancher Deutsche hat bitter unter einer rigorosen Auslegung des Fragebogens zu leiden gehabt. So wird denn sein endgültiges Begräbnis, auf das wir jetzt in der Bundesrepublik hoffen können, allgemein begrüßt werden.

Leider hat er an anderer Stelle seine Auferstehung gefeiert. Wer heute in ein fremdes Land fahren will, bekommt ihn wieder vorgelegt. Die unsinnigsten Fragen über Vorfahren, Kindheit, Erziehung und die Zugehörigkeit zu politischen Parteien sind in ihm verzeichnet. Es ist nicht die Unbequemlichkeit, ihn ausfüllen zu müssen, was ihn so widerwärtig macht, sondern die Tatsache, daß es Menschen gibt, die glauben, man könne andere Menschen schematisch in Kategorien einteilen, sie wie getrocknete Schmetterlinge aufspießen und in Glaskästen einsperren, wo sie dann leicht zu überschauen sind. Daß es Menschen gibt, die so dumm sind, das Leben in papierene Vorschriften zwängen zu wollen und daß es solche Menschen sind, die heute die Welt regieren. Tgl.