Der Sinn fürs Unhörbare

Burkard Nadolny: Konzert für Fledermäuse, Roman. (Holle Verlag, Dannstadt, 328 S., Leinen 10,80 DM.)

Das kurze Leben des Robert Killgans, das hier bewußt im Tone des klassischen bürgerlichen Bildungsromans erzählt wird, beginnt in der Stadt der Buddenbrooks mit dem Bankrott seines Vaters. Familie Killgans muß in Ratzeburg beim Schwiegervater und zweitklassigen Krämer unterkriechen, wo Robert, bis dahin Gymnasiast, als kriechen, unter die großväterliche Fuchtel genommen wird. Aber der Moder der Kleinstadt vermag ihn nicht einzufangen. Ein Zufall bei der nächtlichen Übersiedlung bringt ihm die Freundschaft mit dem Sohn des adligen Ratzeburger Landrates und seiner Schwester Constanze ein. Ebenso bedeutungsvoll wird die Bekanntschaft mit einem seltsamen Hausgenossen, dem Zoologienhändler Wagner, der eine Orgel mit Überschallwellen konstruiert hat, um die Fledermäuse auf seinem Dachboden aus dem Winterschlaf zu scheuchen und dadurch die Theorie zu bestätigen, daß Fledermäuse auf Ultraschall reagieren.

Dieses "Konzert für Fledermäuse" wird das Leitmotiv für Roberts weiteres Leben. Die andersgeartete Sinneswahrnehmung der Fledermäuse zeigt ihm die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens an und schärft ihm das Mißtrauen gegen alle Überheblichkeit des Menschen ein, wie sie sowohl im strengen Regiment der Ordnung als auch im vermessenen Griff nach den Sternen zum Ausdruck kommt – also sowohl bei Großvater Schickedanz, dem säuerlichen Tyrannen seines Kramladens, als auch bei dem immerfort Projekte schmiedenden verkrachten Makler Anton Killgans.

Mit dem befreundeten Geschwisterpaar Alfred und Constanze leistet Robert den Schwur, "daß wir von jetzt an das Gewöhnliche ohne Gewohnheit sehen wollen". Bald genug gibt ihm das Leben Gelegenheit, seine Treue zu diesem Schwur zu beweisen, eben nachdem er durch die Vermittlung des Landrats ein Stipendium für das Gymnasium bekommen hat: dem verknöcherten Geist der Schule widersteht er mit Ironie, aber auch dem Ansinnen des Vaters, ihm nach Afrika zu folgen, wo sich Möglichkeiten für Waffenschiebungen anspinnen, widersetzt er sich. Er will Constanze, die er liebt, eine unanrüchige Zukunft sichern. Bald aber wird ihm klar, daß er dafür reich sein müßte und daß Constanze nicht geneigt ist, Lehrersfrau zu werden. Von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, verläßt er Ratzeburg – gerade in der Stunde, wo seine unscheinbare, stille Mutter stirbt. Ohne sich um die Tote zu kümmern, fährt er nach Rom zu einem Mann, der in "Geschäftsverbindungen" mit seinem Vater steht.

Es ist die Zeit, in der Mussolini auf der Höhe seiner Macht steht und in der ein "politischer Agitator mit zwingendem Blick" sich anschickt, in Deutschland das gleiche zu tun. In Nordafrika sind Aufstände gegen die republikanischen Regierungen von Frankreich und Spanien im Gange. Der illegale Waffenhandel blüht und wird von den "Parteien mit der erhobenen Hand" gefördert.

Anton Killgans hat sich in Spanisch-Marokko ein Hauptquartier eingerichtet, zusammen mit der Zigeunerin Valderez, die aus seinen Handlinien künftigen schweren Reichtum gelesen hat und sich mit dem ganzen Instinkt ihrer primitiven Schläue an ihn klammert, dem Kellner Jacques aus der Hafenbar in Tunis, der sich auf den Schmuggel mit Arabern versteht, und dem ehemaligen Schiffszahlmeister Seelos, der mit seiner dunklen Brille der zuverlässige Einpeitscher des ganzen Unternehmens wird.

In dies Getriebe gerät Robert, zunächst mit subalternen Arbeiten beschäftigt und von Seelos beargwöhnt, bald aber mit den Funktionen eines Juniorchefs betraut. Francos Invasion von Marokko nach Spanien bringt die große Chance, und schließlich, mit dem Sieg über die "Partei der erhobenen Faust", auch den Triumph der Firma Killgans, die in den Rang einer Staatsbank von Franco-Spanien erhoben wird.

Der Sinn fürs Unhörbare

Robert steht ein Magnatendasein offen. "Schwöre uns deine Treue", sagt die Zigeunerin, "und ich schaffe dir sogar die Baroneß aus der Heimat an deine Seite". Aber Robert, der schon lange insgeheim die Gewohnheit des Geldverdienens verachtet hat, lehnt brüsk ab. Eine zweite Flucht – zurück nach Ratzeburg ...

Im Armenviertel von Madrid, als Diener bei einem in Fett und Trägheit unbeweglich gewordenen Trödler, muß er untertauchen, um sich das Reisegeld zu verdienen. Hier spürt Seelos, von Polizei begleitet, den politisch verdächtig Gewordenen auf. Der Versuch einer dritten Flucht endet unter den Schüssen spanischer Polizisten.

Ein seltsam konstruierter tragischer Lebenslauf – was will er besagen? Robert Killgans ist ein umgekehrter Wilhelm Meister oder Grüner Heinrich. Je mehr sein Geist reift, desto fragwürdiger wird seine Lebenssituation. Das Landratshaus in Ratzeburg, in dem der Aufstieg eines bürgerlichen Romanhelden geendet haben würde, schwebt in der zweiten Hälfte des Buches nur noch wie eine unerreichbare Fata Morgana am Horizont von Roberts Gedanken, und auch das Bild Constanzes, das er bis nach Madrid immer bei sich getragen hat, muß er dem Trödler in Zahlung geben. Aber er hat seinem Schwur die Treue gehalten. Selbst Seelos muß zugeben, daß Robert in seiner Ehrlichkeit ein gefährlicher Feind aller Extreme, aller Gewohnheiten und alles dessen ist, was die Fledermäuse nicht hören.

Ein Grundriß dieses bedeutenden Buches mußte gegeben werden. Er kann nicht erkennen lassen, mit welcher verhaltenen Kunst Burkhard Nadolny die milchig-gläserne Grundstimmung, die über die erste Fahrt nach Ratzeburg gebreitet ist, auch in den römischen, den marokkanischen und den Madrider Szenerien durchhält. Es geht ihm nicht um Farbigkeit des Milieus, sondern darum, daß das Schicksal eines unberatenen jungen Geistigen durchsichtig wird. Ingeborg Hartmann

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Georg Rosenstock: Manuel, Roman. (Bei Hans Dulk in Hamburg, 112 S., 4,80 DM.)

Der Verlag Hans Dulk, immer frisch auf Neuentdeckungen aus, präsentiert mutig das erste erzählende Buch eines als Arzt an der Westküste Irlands tätigen jungen deutschen Autors. Es spielt unter den Menschen der steinigen, klippenreichen, unwirtlichen Landschaft seiner Wahlheimat, die vielen aus Flahertys grandiosem Filmdokument "Die Männer von Aran" noch vor Augen stehen wird.

Manuel, ein Fischerssohn der keltischen Ansiedlung, ist der einzige, der sich schon von Kind auf gegen Armut und Not aufgelehnt hat. Er fügt sich nicht dumpf in die Zustände, er versucht für sich und sein Dorf Anschluß an die angelsächsische Kultur zu finden, muß aber erkennen, daß er die Älteren und Alten nicht mehr verpflanzen kann. Nur ein paar Junge fügen sich willig in die ungewohnte Ordnung und arbeiten sich mit ihm zu einer lebenswerten Existenz auf einer Farm durch, während die anderen in ihre Armut zurückfliehen. Drei unterschiedliche Frauen, ein Flittchen, eine phlegmatische Wirtstochter und ein Fischermädchen, beleben die dicht erzählte Handlung. –nn.