Wer hat sie in die Wiesen gesteckt? Es muß während der Nacht gewesen sein, die schwül und wolkig war. Heute morgen sehe ich sie allenthalben, mit bleichen Stengeln ragen sie gebrechlich aus dem Erdreich, das Blau ihrer Blätter sieht künstlich aus. Jedes Jahr ist es der gleiche Schreck. Wir sollten uns daran gewöhnt haben und die Hoffnung aufgeben, die Hände zu sehen, die sie in den Boden pflanzen, aber immer wieder kommt der Morgen, an dem man sie mit Überraschung erblickt. Wie oft habe ich mir schon gesagt, wenn die Tage kürzer werden: "Gib acht, morgen früh sind sie da, rüste dein Herz!" Offenbar kann man sich auf sie nicht vorbereiten, denn die Unsichtbaren, die mit ihnen auf unsere Wiesen herabsteigen, kennen die Stunde, zu der niemand an sie denkt. Sie lesen in unseren Herzen und was finden sie darin? Sie finden die törichte Hoffnung, daß die Sommer ewig dauern möchten, daß das Laub diesmal, dies eine Mal, vielleicht zögern werde, zu vergilben. Sie finden uns Menschen unverbesserlich, und da es keine guten Wesen sind, lächeln sie böse und benutzen eine dunkle Nacht, um ihre Blumen einzupflanzen. Wie mögen die Geisterhände aussehen, die den Finger in den Boden bohren, und die kellerblassen Stengel einlassen. Es sind gewiß schöne Hände mit dünnen Knochen, von übermäßiger Länge, die sich kühl anfühlen würden, wenn es jemandem gelänge, sie zu berühren. Ich werde mich schön hüten, mit solchen Händen zu tun zu haben. Aber niemand kann verhindern, daß sie ihm, wenn er schläft, über die Lider fahren oder gar eine Sekunde auf der Stirn liegen. Das sind die bösen Träume, von denen niemand weiß, wo sie ihren Ursprung haben, denn sie wissen selbst nicht, woher sie kommen.

So schläft der Mensch, wenn die Nacht dunkel ist und das Jahr sich neigt. Er schläft mit der Süßigkeit des Sommers im Herzen, mit der törichten Gewißheit, daß weder er selbst noch das Jahr je altern können. Die von Bienen summenden Stunden im Gras, die er versäumt hat, die einsamen Gänge am Waldrand, zu denen es nicht gekommen ist, die Stille und Sammlung, die er sich vergeblich vorgenommen hatte, all das hohe Leben, das für ihn bereit stand, ist noch einmal in seinem Sinne, ehe er einschläft in der letzten Sommernacht. Vorsatz und Entschluß beginnen noch einmal mit den ersten Atemzügen des Einschlafenden zu blühen: das schöne Leben dauert ewig. Aber am Morgen weiß er nicht mehr, was ihm geschehen ist. Nur die Melancholie des Versäumten ist zurückgeblieben. Der Tag, den er draußen erblickt, ist mit leichtem Dunst verschleiert, und in den Wiesen stecken böse und lautlos die Herbstzeitlosen. Die gleichen Hände, die seinen Traum beraubten, haben sie gepflanzt. Nicht, daß die Welt nun leer wäre, aber sie hat einen anderen Sinn erhalten. Daß plötzlich Unsichtbare mit Geisterhänden sich in unser Leben wagen und auf den Feldern kleine Friedhöfe anlegen – an jeder verpaßten Stunde wird eine Nachtblume aufgestellt – das möchte noch angehen. Geh nur hin und zupfe an einer von ihnen. Sie gibt sofort nach, denn sie ist nur flüchtig in den Boden gesteckt, von Widerstand kann keine Rede sein, denn warum sollte sie sich an diese Erde klammern, die sie nicht liebt! Aber daß wir es abermals vergessen haben, sie zu erwarten und auf sie vorbereitet zu sein, das zeigt, wie wenig wir vom Wandel der Jahreszeiten zu lernen geneigt sind.

Die Sterne hätten mich warnen sollen, cenn ich habe den Himmel noch neulich, als die Nicht klar war, gründlich studiert. Andromeda und das blasse Gewirr des Siebengestirns bemerkte ich, ohne mir viel dabei zu denken. Im Norden stand der Wagen der Erde nahe, der Jupiter war mächtig da, wenn auch seine Absicht unverkennbar war, noch in diesem Monat "zu seiner Oppositionsschleife anzusetzen", wie die Sternkundigen sagen. Natürlich, von den leuchtenden Elektronenströmen magnetischer Gewitter gewahrten meine blöden Augen nichts. Wo käme ich hin, wenn ich mich auf alle diese kosmischen Vorgänge einließe! Bin ich mir doch nicht einmal des stürmischen Fluges meiner Erde durch den Weltenraum bewußt! Das lasse ich alles so hingehen, als ob es mich gar nicht beträfe. Aber die Himmelszeichen des nahenden Herbstes hätte ich nicht übersehen sollen. Dann wäre ich gewappnet gewesen und hätte vielleicht sogar die pflanzenden Geisterhände bei ihrem lichtscheuen Treiben ertappt. Aber so leben wir, immer in den Tag und in den Tod hinein.

Mein Tag hätte ganz anders beginnen sollen. Was ich mir vorgenommen hatte, war von zinkischer Art. Mit spitzer Feder sollten Mißstände umrissen, sollten träge Gemüter aus ihrer liegenden Stellung aufgeschreckt werden. Es war meine Absicht, der Neigung meiner Mitmenschen, sich in der Katastrophe häuslich einzurichten, entgegenzuwirken und die Gemütlichkeit aus dem sittlichen Chaos, in dem wir leben, zu vertreiben. Die Menschenliebe geht seltsame Wege, die freilich steiler und steiniger sind als die ausgetretenen Verkehrsstraßen der Gleichgültigkeit. Wenn es mir schon nicht gelingt, so dachte ich, vor den Zuständen, die wir uns geschaffen haben, die Augen zu schließen, so soll diese kritische Schlaflosigkeit eine Form finden, die das Gewissen der Allgemeinheit am Einnicken hindert. Solche Vorsätze hegt man, wenn man es unterlassen hat, aus der Sprache des Sternhimmels die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Mit solchen Vorsätzen schläft man ein, man schläft freilich schlecht mit ihnen. So ging es auch mir, in meine Träume reichten kalte Hände, schlanke Dämonenhände hinein und leerten meinen Schlaf von allem, was der Sommer in ihnen angehäuft hatte, die ganze Seligkeit, die aus dem duftenden Heu und der Fülle des rauschenden Laubes stammt. Beim Erwachen sah ich die Herbstzeitlosen (vom Althochdeutschen "zitilosa") und da wußte ich, was die Stunde des Jahres geschlagen hatte. Der kritische Mut war dahin, auf dem fernen Stoppelfeld stand die Vogelscheuche wie immer, sie war mit einem alten Uniformrock bekleidet, aber ihre leeren Ärmel, die sonst bei frischem Wind so putzige Gesten zu machen wußten, rührten sich nicht. An den Apfelbäumen waren einige Flecken blutroten Laubes zu sehen. Der Waldrand war noch voll und dicht, aber seine Fülle war von unsichtbarer Müdigkeit überhaucht.

Nun ist er da, der erste Tag der Herbstzeitlosen. Er zeitigt, wenn das Erstaunen überwunden ist, Gedanken von widersprechender Art. Wohl weiß man, daß alles so kommen mußte, und daß in wenigen Monaten wieder eine Jahreszeit kommen wird, über die das Vergehen keine Macht hat. Die Blüte ist denen gewiß, die zum Leben bestimmt sind. Aber was wissen wir von unserer Bestimmung? Die Zuversicht klafft wie ein Abgrund, das Verzagen dehnt sich sanft wie eine Ruhestätte, alle mit so viel Verzichten und Weisheit erkaufte Ordnung droht zusammenzustürzen vor der Aufforderung, das Sinken des Jahres zu überleben. An die Herzen, welche die Menschen so vorsichtig in der Brust getragen haben, damit der Inhalt des Gefäßes nicht überlaufe, ergeht mit einem Male das unerbittliche Geheiß, zu hoffen. Das Herz fleht: ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Und die Antwort heißt: du mußt. So fühlt sich der Mensch, wenn der Sommer zu Ende geht, an den Rand des größten Abenteuers gedrängt, dessen Name Ausdauer ist. Die Versuchung, zu erliegen, zu versteinern, zu verstummen, das Herz ohne Nahrung zu lassen, ist so groß! Die Müdigkeit gewinnt Stimme und flüstert dem kommenden Blätterfall, ja dem künftigen Schnee die Aufforderung zu, den Willen zuzudecken und zu begraben. Nicht mehr aufblicken, nicht mehr neugierig den Horizont absuchen, nicht mehr mit allen Winden und Sternen auf die Reise gehen – das ist die Versuchung dieser Stunde. Das feine Gift der Herbstzeitlosen wandert durch die tausendfach verästelten Organe des menschlichen Lebenswillens, mischt sich mit dem bitteren Duft nahen Verwelkens und verwischt die Grenze zwischen Verzagtheit und Altern.

Diese Grenze ist da, sie ist klar und deutlich, und die blassen Dämonen möchte ich sehen, die mich verführen könnten, sie zu vergessen. Der September geht seinen Gang, die Natur wird alt und die Träume altern. Graue Fäden spinnen sich über das feuchte Gras, in dem die rotbackigen Äpfel liegen. Die vollendete Rundheit dieser ausruhenden Früchte, die nie wieder den Weg zu ihrem Zweig zurückfinden werden, soll mein Herz erquicken. Laßt euch ansehen, ihr makellosen Gebilde, die ihr keine Stimme habt, um über euren Verfall zu klagen und kein Gesicht, über das die Tränen des Abschieds laufen könnten. Wer mit eurer Unempfindlichkeit begabt wäre, der hätte gut Philosoph sein. Aber die Art des Menschen ist es, mit jedem Herbst, der kommt, zu altern, und doch seinem Zweig verhaftet zu sein. Jung sein heißt vergessen und von der Zeit erwarten, daß morgen oder übermorgen alles reicher und fruchtbarer ist. Wer so lebt, der erschrickt auch nicht bei dem lautlos jähen Erscheinen der Herbstzeitlosen. Aber viele von uns möchten dies Erschrecken nicht missen, denn es erinnert uns daran, daß nichts von unserem Leben verlorengehen darf, daß alles kostbar ist, auch das Bittere und das, woran man nicht denken kann, ohne Schmerz zu fühlen. Auch wer den Frühling nicht mehr erleben darf, ist glücklich, daß er wiederkommen wird. Geliebtes Leben, du endest nicht, auch wenn du zu Ende gehst.

Es gab eine Septembernacht, da hätte ich die Herbstzeitlosen überraschen können. Es war sehr dunkel, der Regen hatte eben aufgehört, ich lag gegen die Erde gepreßt, und die französischen Geschosse jaulten über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht heben, aus der Krume, in die ich mein Leben barg, stieg der Geruch des welkenden Sommers, War es ein Garten, war es eine Wiese? Ich konnte nichts sehen. Über mir ahnte ich die unbestimmten Umrisse der vom ewigen flandrischen Wind schräg gebogenen Bäume, Meine Hände griffen in abgestorbene Blumen und faulendes Kraut, ich hatte viele Stunden Zeit, alles genau abzutasten, und kann schwören, daß keine Herstzeitlosen darunter waren. "Wenn du hier wieder herauskommst!" sprach ich zu mir. Was dann, ja, was dann? Meine jungen Jahre waren wie weggewischt, nichts war in mir als brausende Erwartung, das ganze verfinsterte Weltgewölbe war erfüllt davon. Ich kam heraus und hier bin ich und sehe die Herbstzeitlosen an und denke mein Teil dabei. Der Augenblick von damals ist in mir, als ob ich ihn heute nacht erlebt hätte. Alle Erwartungen haben sich erfüllt, da ich jenen Augenblick ja immer noch besitze. Alles ist beisammen und hilft mir, den Herbst zu loben und mich auf den Abend zu freuen.