Stuttgart, Anfang September Im Mittelpunkt des Internationalen Astronautischen Kongresses, der in diesen Tagen in der Nähe von Stuttgart stattfand, sollte der Festvortrag des Professor von Braun stehen, des Hauptschöpfers der V-2-Rakete, der nach dem Kriege in die USA auswanderte und heute in Huntsville (Ala.) lebt. Die Enttäuschung war nicht gering, als bekanntgegeben wurde, daß der Vortrag in englischer und dann in deutscher Sprache verlesen werden würde. Gleich zu Beginn des Manuskriptes hieß es, daß Berufspflichten den Autor von der Teilnahme am Kongreß zurückhielten. Bald flüsterte man sich jedoch zu, daß der amerikanische Sicherheitsdienst die Gefahr einer Entführung Brauns in Europa für so groß halte, daß er ihm die Ausreise untersagt habe.

Aus der Fülle bisher nicht gelöster Probleme griff Prof. von Braun als Beispiel die Drehung eines antriebslos durch den leeren Raum treibenden Fahrzeuges in einer gewünschten Achsenlage heraus. Obwohl die Antriebsmethode – kleine Rückstoßmotoren oder mit ihren Achsen aufeinander senkrecht stehende Schwungscheiben – bekannt sei, führe doch eine weiter Weg bis zur Konstruktion einer für die praktische Raumnavigation brauchbaren Einrichtung. Die Vorstellung, daß die Atmung innerhalb eines Raumschiffes durch das bereits in Flugzeugen angewandte System der Überdruckkabine gelöst sei, bezeichnete Braun als eine unzulässige, Vereinfachung Um die Luft rein zu halten, müsse zusätzlich ein Schema erdacht werden, durch das die Luft innerhalb eines Raumschiffes durch Vereisung und Filterung "gewaschen" wird, bevor sie in den menschlichen Organismus tritt. Ein anderes Problem sei, wie sich die Insassen eines in Not geratenden Raumschiffes retten könnten. Hier deutete der Vortrag Pläne an, die auf die Konstruktion eines "Lebensrettungstorpedos" zielen, der in der Ionosphäre ausgeklingt wird, mit Fallverzögerern ausgestattet ist und seine Insassen sicher auf die Erde oder den .Ozean zurückführt. Die Schwerefreiheit stelle die Lebens- und Haushaltführung an Bord des Raumschiffes vor eine Reihe ungelöster, zum Teil lustiger, zum Teil auch sehr kniffliger Fragen. Wie soll man an Bord kochen, wenn das Wasser nicht am Boden des Kochtopfes bleibt, wie soll man braten, wie schließlich essen, wie Geräte benutzen, wie trinken, ohne sich die Kleider naß zu machen, wie sich die Hände waschen. Wo soll man Abfälle hintun, wie schließlich könnte ein interplanetarisches Wasserklosett beschaffen sein? Bisher halbe man weder eine brauchbare Klimaanlage für Raumschiffe, noch ein für die Ionosphäre geeignetes Barometer, noch ein interplanetarisch einsetzbares und störungsfreies Radio erfunden. Natürlich sei es viel reizvoller, sich auszumalen, wie ein Raumsatellit oder das Leben auf Mars und Venus selbst beschaffen ist. Niemand könne sich dem Zauber solcher Vorstellungen entziehen. Aber, so warnte Braun, die Fülle schwieriger Details dürfe darüber nicht vergessen werden.

Das Manuskript schloß mit dem Satz: "Wir werden oft gefragt, warum wollt ihr eigentlich zum Mond fliegen und auf den Planeten landen? Welchen Sinn hat dies alles? – Gibt es eine für die Existenz des Menschen hoffnungslosere Fragestellung? Wir können hierauf nur mit der unsterblichen Gegenfrage Faradays antworten: Welchen Sinn hat denn ein neugeborenes Kind?

H. G. von Studnitz