Doni geht jetzt zur Schule

Über das Problem der farbigen Besatzungskinder hielt der Journalist Erich Lissner, der ein solches Kind adoptiert hat, im Hamburger Amerika-Haus einen Vortrag.

Ach, was für ein reizendes Kind! Und so gesund! Das haben Sie wohl immer unter der Höhensonne?!"

"Höhensonne? Gar nicht! Ist alles echt, das ist ein Mulattenbübchen."

"Um Gottes willen! Wie entsetzlich! Und so etwas fahren Sie auch noch herum?!"

Es scheint, daß braune Haut künstlich gebräunt sein muß, soll sie reizend und nicht entsetzlich sein.

Zwei ließen sich jedenfalls durch diese und ähnliche Bemerkungen nicht stören, nämlich der kleine schokoladenfarbene Donatus, der im Kinderwagen saß, und seine Pflegemutter, die den Kinderwagen schob. Sie blieben fröhlich und zufrieden. Die Frau, weil bei ihr nicht an der Stelle des Herzens ein Vorurteil saß, und das Kind, weil es noch keine Ahnung hatte, daß Farben Weltanschauungsfragen sind.

1946 hörte die Frau des Journalisten Erich Lissner, daß im Krankenhaus ihres Städtchens ein Flüchtlingsmädchen ein Kind von einem farbigen Soldaten erwarte. Eine Art Katastrophe, besonders in der Kleinstadt. Wer würde für das Kind sorgen, in welche Lage würde die Mutter geraten, die gerade Aussicht auf Beschäftigung an einer Schule hatte!

Doni geht jetzt zur Schule

Frau Lissner empfand Mitleid. Sie ging in das Krankenhaus, lernte das Mädchen kennen, versprach ihm Hilfe. Ein paar Tage später kam das Kind, dem man vorerst seine Herkunft kaum ansah, zur Welt, wurde kurz darauf schwer krank. Eine Krankenschwester, der die Situation ausweglos erschien, meinte: "Am besten ist’s, wenn’s stirbt." Vielleicht gab diese Bemerkung den Ausschlag. Jedenfalls wußte Frau Lissner einen Ausweg: "Das Kind nehm’ ich zu mir."

Ihr Mann war einverstanden, ihre eigenen vier Jungen waren begeistert. Und so holten die Lissners eines Tages, nachdem sie die Zustimmung des Jugendamtes erlangt hatten, den inzwischen in der Klinik wiedergenesenen Kleinen nach Hause. Auf der Straße schauten einige Leute dumm. Aber zuletzt wurde doch noch ein Triumphzug daraus. Die vier Lissner-Jungen, die dies außergewöhnliche freudige Ereignis gar nicht erwarten konnten, hatten sich ein Programm ausgedacht. Den Kinderwagen hatten sie reichlich mit Blumen geschmückt, und als das schokoladenfarbene neue Brüderchen ankam, da stellten Sie sich alle vier hin und sangen "Weißt du, wieviel Sternlein stehen ..."

"Warum habt ihr euch gerade dieses Lied ausgesucht?"

"Weißt du, Mutti, da kommt doch drin vor: Gott im Himmel kennt auch dich und hat dich lieb"!

So kam Dom – Vater Lissner hatte die Idee, ihn Donatus, den Geschenkten, zu nennen, ins Haus. Jetzt ist er sechs Jahre alt, ein gesundes, aufgewecktes, temperamentvolles Bürschchen, der Liebling der Eltern und der Geschwister und in gewisser Hinsicht, wie es scheint, der Mittelpunkt der Familie. Seine Art und seinen Charakter schildert Vater Lissner mit Enthusiasmus. Doni ist manuel geschickt, rhythmisch und musikalisch begabt, graziös, er hat "etwas Bezauberndes, einen Charme besonderer Art, wenn er lacht. Und er kann ganz herzlich lachen. Daneben überläßt er sich um so hemmungsloser seinem Schmerz. Nicht, daß er empfindlich wäre oder zimperlich, es ist seine große Empfindsamkeit, die ihn manchmal zu heftigen Tränenausbrüchen bringt." Der Pflegevater weiß noch mehr zu berichten: "Er ist überaus gutmütig, zärtlich, hilfsbereit, sehr zurückhaltend zuweilen, Fremden gegenüber höflich, aber er kennt keine Scheu und Furcht, schaut jedem offen ins Gesicht und antwortet frei heraus. Wenn er Gefahr wittert, schleicht er sich nicht weg, sondern bleibt fest stehen und schaut starr geradeaus. "Stark im Nehmen", sagen die Nachbarkinder. "Und wenn man ihm etwas schenkt, dann verteilt er es gern rundum, an sich selbst denkt er zuletzt."

Zwischen ihm und seinen vier weißen Brüdern und dem Schwesterchen, das nach ihm gekommen ist, hat es nie Unterschied oder Fremdheit gegeben. Sie lieben ihn und er liebt sie. Ganz besonders hängt er an seiner "Mami". Als Vater Lissner einmal fragte, wer ihn in Frankfurt in den Ferien besuchen wolle, da riefen fünf: Ich, ich, wir alle! Nur der Doni blieb stumm.

"Ja, willst du denn nicht mitkommen", fragte Vater Lissner.

Doni geht jetzt zur Schule

"Nein, nein", sagte Doni, "dann ist die Mami traurig, wenn sie ganz allein ist."

Doni ist glücklich in seinem Nest, aber bald zeigte sich, daß das Leben für ihn nicht ohne Probleme ist. Manchmal rufen ihm fremde Kinder auf der Straße nach: "Neger, Neger!" Dann geht er stolz vorbei und macht ein hochmütiges Gesicht. Es kommt vor, daß er zurückruft: "Bist selbst ein Neger!" Lange Zeit glaubte er jedenfalls, daß kleine Kinder überhaupt Neger heißen. "Papi, du bist kein Neger und die Mami auch nicht", sagte er eines Tages, "und meine drei Brüder (er nannte die Namen der drei, die schon zur Schule gingen) sind auch keine Neger." "Was soll das heißen", fragte Vater Lissner. "Alle Menschen, die noch nicht zur Schule gehen, sind Neger", sagte Doni einfach darauf. So hatte er sich das zurechtgelegt. Und ein paar Tage später rief er einem blonden, rosahäutigen Mädchen zu: "Komm, Neger, wir spielen Ball!"

Ganz klar ist ihm das Problem seiner Hautfarbe bis heute noch nicht, aber etwas davon hat er schon begriffen. Besonders seit seine geliebte Mami es ihm auf sein Fragen einmal zu erklären versuchte. "Da draußen im Garten", sagte sie, "stehen nebeneinander eine Birke und eine Tanne. Die Birke ist weiß und die Tanne ist dunkel, und doch hat sie beide der liebe Gott geschaffen. Und so ist es auch mit den Menschen. Die einen sind weiß und die andern braun, und du gehörst zu den Braunen, deshalb hat dich der liebe Gott nicht weniger lieb. Du bist halt unser liebes, kleines Negerlein!"

Das hat Doni, bis zu einem gewissen Grad, eingeleuchtet. So hat er keinen Minderwertigkeitskomplex. Als vor einigen Monaten vom Fasching die Rede war, sagte er sogar eifrig: "Ich gehe als Neger, das ist fein, andre Kinder müssen sich erst eine Maske kaufen, die kostet 75 Pfennig!"

Auch in der Schule gibt es keine Schwierigkeiten. Schon nach einigen Wochen haben ihn alle Kinder gern gehabt, ja, um den Platz neben ihm auf der Schulbank ist eine Konkurrenz ausgebrochen. Er fühlt sich in der Schule keineswegs zurückgesetzt. Er ist glücklich und fröhlich auch in der Schule, und er ist ein intelligenter, begabter Schüler.

Aber das Leben fängt erst an. Und die Sorge um seinen Doni, der vielleicht, ja, wahrscheinlich doch noch vor große Probleme und grobe Taktlosigkeiten gestellt sein wird, hat aus Vater Lissner schon jetzt einen Kämpfer für die farbigen Kinder in Deutschland gemacht. Lissner hält Vorträge, wenn ihm sein Beruf dazu Zeit läßt, wirbt um Verständnis für das Schicksal der Mulattenkinder. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören, denn seine Wärme, die aus der Liebe zu seinem Negerlein kommt, ist echt, und sein Zorn gegen die arroganten Vorurteile, die immer noch in vielen Menschen sitzen, ist gerecht. Das Problem ist klein, wenn man es statistisch nimmt – von den 94 000 illegitimen Besatzungskindern sind 3093 farbige. Aber es ist gewaltig und nahezu unfaßbar, wenn man bedenkt, daß es hier um ebenso viele Menschenschicksale geht, die vor der Gefahr stehen, an einem Vorurteil zugrunde zu gehen. Die Bereitschaft aber, dies zu verhindern, scheint nicht sehr groß zu sein. Manche sehen in den Besatzungskindern in erster Linie ein finanzielles Problem, andere reden von Rassenschande, die meisten sind gleichgültig, viele schimpfen über die Mütter. Hier handelt es sich aber nicht um die Mütter, sondern die Kinder, alle rührend und klein, alle unter sieben Jahren, und unter ihnen die dreitausend Mulatten, die es besonders schwer haben werden, wenn sich das Volk nicht besinnt und sie vorbehaltlos aufnimmt. Das ist keine Frage, der gegenüber nationale Phrasen am Platz sind, dazu ist sie statistisch zu bescheiden. Es ist auch nicht eine Frage der Organisation, etwa durch besondere Kinderheime, die doch schließlich den Charakter eines Ghettos annehmen müßten. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und muß als solche gelöst werden. Diese Kinder sollen nicht merken, daß sie Besatzungskinder sind – einen Krieg zu verlieren, hat seine Folgen, auch wir haben andere Länder besetzt und Besatzungskinder zurückgelassen –, und sie sollen vor allem nicht merken, daß sie farbig sind. Wir wollen wenigstens versuchen, es nach Kräften zu verhindern. Und nicht nur solange sie Kinder sind. Jetzt gehen die ersten von ihnen zur Schule, in zehn, fünfzehn Jahren werden sie in die Berufe gehen. Auch dann sollen sie keine Schwierigkeiten haben.

Man hat. uns angeklagt, daß wir unmenschlich sind. Wir wollen menschlich sein. Dann wird mancher amerikanische Beamte, der hier als Ankläger auftrat, wenn er Vergleiche mit seiner Heimat zieht, ein schlechtes Gewissen haben. Pet.