Frau Lissner empfand Mitleid. Sie ging in das Krankenhaus, lernte das Mädchen kennen, versprach ihm Hilfe. Ein paar Tage später kam das Kind, dem man vorerst seine Herkunft kaum ansah, zur Welt, wurde kurz darauf schwer krank. Eine Krankenschwester, der die Situation ausweglos erschien, meinte: "Am besten ist’s, wenn’s stirbt." Vielleicht gab diese Bemerkung den Ausschlag. Jedenfalls wußte Frau Lissner einen Ausweg: "Das Kind nehm’ ich zu mir."

Ihr Mann war einverstanden, ihre eigenen vier Jungen waren begeistert. Und so holten die Lissners eines Tages, nachdem sie die Zustimmung des Jugendamtes erlangt hatten, den inzwischen in der Klinik wiedergenesenen Kleinen nach Hause. Auf der Straße schauten einige Leute dumm. Aber zuletzt wurde doch noch ein Triumphzug daraus. Die vier Lissner-Jungen, die dies außergewöhnliche freudige Ereignis gar nicht erwarten konnten, hatten sich ein Programm ausgedacht. Den Kinderwagen hatten sie reichlich mit Blumen geschmückt, und als das schokoladenfarbene neue Brüderchen ankam, da stellten Sie sich alle vier hin und sangen "Weißt du, wieviel Sternlein stehen ..."

"Warum habt ihr euch gerade dieses Lied ausgesucht?"

"Weißt du, Mutti, da kommt doch drin vor: Gott im Himmel kennt auch dich und hat dich lieb"!

So kam Dom – Vater Lissner hatte die Idee, ihn Donatus, den Geschenkten, zu nennen, ins Haus. Jetzt ist er sechs Jahre alt, ein gesundes, aufgewecktes, temperamentvolles Bürschchen, der Liebling der Eltern und der Geschwister und in gewisser Hinsicht, wie es scheint, der Mittelpunkt der Familie. Seine Art und seinen Charakter schildert Vater Lissner mit Enthusiasmus. Doni ist manuel geschickt, rhythmisch und musikalisch begabt, graziös, er hat "etwas Bezauberndes, einen Charme besonderer Art, wenn er lacht. Und er kann ganz herzlich lachen. Daneben überläßt er sich um so hemmungsloser seinem Schmerz. Nicht, daß er empfindlich wäre oder zimperlich, es ist seine große Empfindsamkeit, die ihn manchmal zu heftigen Tränenausbrüchen bringt." Der Pflegevater weiß noch mehr zu berichten: "Er ist überaus gutmütig, zärtlich, hilfsbereit, sehr zurückhaltend zuweilen, Fremden gegenüber höflich, aber er kennt keine Scheu und Furcht, schaut jedem offen ins Gesicht und antwortet frei heraus. Wenn er Gefahr wittert, schleicht er sich nicht weg, sondern bleibt fest stehen und schaut starr geradeaus. "Stark im Nehmen", sagen die Nachbarkinder. "Und wenn man ihm etwas schenkt, dann verteilt er es gern rundum, an sich selbst denkt er zuletzt."

Zwischen ihm und seinen vier weißen Brüdern und dem Schwesterchen, das nach ihm gekommen ist, hat es nie Unterschied oder Fremdheit gegeben. Sie lieben ihn und er liebt sie. Ganz besonders hängt er an seiner "Mami". Als Vater Lissner einmal fragte, wer ihn in Frankfurt in den Ferien besuchen wolle, da riefen fünf: Ich, ich, wir alle! Nur der Doni blieb stumm.

"Ja, willst du denn nicht mitkommen", fragte Vater Lissner.