"Nein, nein", sagte Doni, "dann ist die Mami traurig, wenn sie ganz allein ist."

Doni ist glücklich in seinem Nest, aber bald zeigte sich, daß das Leben für ihn nicht ohne Probleme ist. Manchmal rufen ihm fremde Kinder auf der Straße nach: "Neger, Neger!" Dann geht er stolz vorbei und macht ein hochmütiges Gesicht. Es kommt vor, daß er zurückruft: "Bist selbst ein Neger!" Lange Zeit glaubte er jedenfalls, daß kleine Kinder überhaupt Neger heißen. "Papi, du bist kein Neger und die Mami auch nicht", sagte er eines Tages, "und meine drei Brüder (er nannte die Namen der drei, die schon zur Schule gingen) sind auch keine Neger." "Was soll das heißen", fragte Vater Lissner. "Alle Menschen, die noch nicht zur Schule gehen, sind Neger", sagte Doni einfach darauf. So hatte er sich das zurechtgelegt. Und ein paar Tage später rief er einem blonden, rosahäutigen Mädchen zu: "Komm, Neger, wir spielen Ball!"

Ganz klar ist ihm das Problem seiner Hautfarbe bis heute noch nicht, aber etwas davon hat er schon begriffen. Besonders seit seine geliebte Mami es ihm auf sein Fragen einmal zu erklären versuchte. "Da draußen im Garten", sagte sie, "stehen nebeneinander eine Birke und eine Tanne. Die Birke ist weiß und die Tanne ist dunkel, und doch hat sie beide der liebe Gott geschaffen. Und so ist es auch mit den Menschen. Die einen sind weiß und die andern braun, und du gehörst zu den Braunen, deshalb hat dich der liebe Gott nicht weniger lieb. Du bist halt unser liebes, kleines Negerlein!"

Das hat Doni, bis zu einem gewissen Grad, eingeleuchtet. So hat er keinen Minderwertigkeitskomplex. Als vor einigen Monaten vom Fasching die Rede war, sagte er sogar eifrig: "Ich gehe als Neger, das ist fein, andre Kinder müssen sich erst eine Maske kaufen, die kostet 75 Pfennig!"

Auch in der Schule gibt es keine Schwierigkeiten. Schon nach einigen Wochen haben ihn alle Kinder gern gehabt, ja, um den Platz neben ihm auf der Schulbank ist eine Konkurrenz ausgebrochen. Er fühlt sich in der Schule keineswegs zurückgesetzt. Er ist glücklich und fröhlich auch in der Schule, und er ist ein intelligenter, begabter Schüler.

Aber das Leben fängt erst an. Und die Sorge um seinen Doni, der vielleicht, ja, wahrscheinlich doch noch vor große Probleme und grobe Taktlosigkeiten gestellt sein wird, hat aus Vater Lissner schon jetzt einen Kämpfer für die farbigen Kinder in Deutschland gemacht. Lissner hält Vorträge, wenn ihm sein Beruf dazu Zeit läßt, wirbt um Verständnis für das Schicksal der Mulattenkinder. Es ist eine Freude, ihm zuzuhören, denn seine Wärme, die aus der Liebe zu seinem Negerlein kommt, ist echt, und sein Zorn gegen die arroganten Vorurteile, die immer noch in vielen Menschen sitzen, ist gerecht. Das Problem ist klein, wenn man es statistisch nimmt – von den 94 000 illegitimen Besatzungskindern sind 3093 farbige. Aber es ist gewaltig und nahezu unfaßbar, wenn man bedenkt, daß es hier um ebenso viele Menschenschicksale geht, die vor der Gefahr stehen, an einem Vorurteil zugrunde zu gehen. Die Bereitschaft aber, dies zu verhindern, scheint nicht sehr groß zu sein. Manche sehen in den Besatzungskindern in erster Linie ein finanzielles Problem, andere reden von Rassenschande, die meisten sind gleichgültig, viele schimpfen über die Mütter. Hier handelt es sich aber nicht um die Mütter, sondern die Kinder, alle rührend und klein, alle unter sieben Jahren, und unter ihnen die dreitausend Mulatten, die es besonders schwer haben werden, wenn sich das Volk nicht besinnt und sie vorbehaltlos aufnimmt. Das ist keine Frage, der gegenüber nationale Phrasen am Platz sind, dazu ist sie statistisch zu bescheiden. Es ist auch nicht eine Frage der Organisation, etwa durch besondere Kinderheime, die doch schließlich den Charakter eines Ghettos annehmen müßten. Es ist eine Frage der Menschlichkeit und muß als solche gelöst werden. Diese Kinder sollen nicht merken, daß sie Besatzungskinder sind – einen Krieg zu verlieren, hat seine Folgen, auch wir haben andere Länder besetzt und Besatzungskinder zurückgelassen –, und sie sollen vor allem nicht merken, daß sie farbig sind. Wir wollen wenigstens versuchen, es nach Kräften zu verhindern. Und nicht nur solange sie Kinder sind. Jetzt gehen die ersten von ihnen zur Schule, in zehn, fünfzehn Jahren werden sie in die Berufe gehen. Auch dann sollen sie keine Schwierigkeiten haben.

Man hat. uns angeklagt, daß wir unmenschlich sind. Wir wollen menschlich sein. Dann wird mancher amerikanische Beamte, der hier als Ankläger auftrat, wenn er Vergleiche mit seiner Heimat zieht, ein schlechtes Gewissen haben. Pet.