Der sowjetrussische Gesandte in Israel, Pavel Iwanowitsch Yerschow, ist ein frommer Mann. Das beweist er durch seine regelmäßigen Besuche der Gottesdienste in der russisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem, an denen auch das Gesandtschaftspersonal teilnimmt.

Die Tatsache, daß ein sowjetischer Missionschef ein eifriger Kirchgänger ist, ohne von seinem Posten abberufen zu werden, läßt darauf schließen, daß er von Moskau angewiesen worden ist, so zu handeln. Wenn aber der Kreml derartige Weisungen erteilt, dann geschieht dies aus politischen Gründen. Das Ziel, auf das man hinsteuert, läßt sich aus der Aktivität, die die "Russische Palästina-Gesellschaft" neuerdings entfaltet, leicht erkennen. Diese Gesellschaft, die in der Zarenzeit gegründet und vom russischen Staat subventioniert wurde, hatte im Laufe der Jahrzehnte in Palästina großen Landbesitz erworben, Klöster erbaut und Gast- und Unterkunftsstätten für Pilger errichtet. Ihr kirchenpolitisches Ziel war, den russischen Einfluß in der griechischorthodoxen Kirche in Palästina so zu vergrößern, daß eines Tages nicht mehr ein griechischer, sondern ein russischer Geistlicher Patriarch von Jerusalem sein würde. Dieses Ziel wurde jedoch bis zum ersten Weltkrieg nicht erreicht. Danach aber interessierten sich die bolschewistischen Machthaber nicht für diese Frage.

Dreiunddreißig Jahre gingen darüber hin, bis Anfang 1952 die "Russische Palästina-Gesellshaft" in Moskau neu gegründet wurde. Gleichzeitig fand ein Wechsel in der Leitung der russisch-orthodoxen Kirche, in Palästina statt. Der neue Archimandrit, Ignatius Polykarp, gilt als einer der fähigsten Köpfe der geistigen Hierarchie Sowjetrußlands. Seine Ausbildung hat er auf der von? Staat kontrollierten Theologischen Akademie in Moskau erhalten. Polykarp ist die treibende Kraft für die Wiederbelebung und Neugestaltung des kirchlichen Lebens in den ihm unterstellten Gemeinden. Er findet hierbei tatkräftige Unterstützung durch die "Russische Palästina-Gesellschaft", deren Leitung in Palästina seit Mai dieses Jahres in den Händen von zwei aus Moskau entsandten Aktivisten liegt. Obwohl das Recht der neu gegründeten "Russischen Palästina-Gesellschaft" an dem Besitz der früheren nichtbolschewistischen Organisation noch durch israelische und jordanische Gerichte geklärt werden muß, werden an allen russisch-orthodoxen Kirchen und den Gebäuden der alten Gesellschaft großzügige Reparaturen vorgenommen. Die sorgsame Betreuung der Mönche und Nonnen in den Klöstern, um die sich Moskau jahrzehntelang nicht gekümmert hat, die kostenlose Verteilung religiöser Bücher und Schriften, besonders aber die Pflege guter Beziehungen zu der niederen arabischen Geistlichkeit in der griechisch-orthodoxen Kirche dienen dazu, den Einfluß der russisch-orthodoxen Kirche zu stärken, um schließlich die alte, unter den Zaren nicht erreichte Absicht, das Patriarchat den Griechen zu entreißen, zum Gelingen zu führen.

Um dieses Zieles willen mußte der sowjetische Gesandte zu einem eifrigen Kirchgänger werden.

t. r.