Die Verhaftung von 47 Politikern in Ägypten, unter denen sich drei Mitglieder der Familie des Exkönigs Faruk, acht führende Mitglieder der einflußreichen Wafdpartei, fünf Mitglieder der Saadpartei und vier Angehörige der "Faruk-Clique" befinden, leitete den zweiten Abschnitt der von General Mohamed Nagib geführten Revolution ein. Mit dem zurückgetretenen Ministerpräsidenten Ali Maher ist der letzte aus der Dynastie der alten Ministerpräsidenten und Minister, die sich in ihren Ämtern abwechselten, von der Regierungsbühne verschwunden. Die beiden Faktoren, die zu dem entscheidenden Eingriff des Generals in die Geschäftsführung Ali Mähers führten, waren die zögernde Haltung des Kabinetts in der Frage des Bodenreformgesetzes und die offensichtlich dilatorische Behandlung der Säuberung des Regierungsapparates und der politischen Parteien von korrupten Elementen. Die Enttäuschung, Nagibs und der hinter ihm stehenden Kreise über das langsame Tempo bei der Durchführung dieser beiden Maßnahmen, die sie für eine Gesundung der Verhältnisse im Lande für unerläßlich ansehen, führte zur Auslösung jener Aktionen, die der Generalstäbler Nagib für alle Fälle vorher sorgfältig ausgearbeitet haben dürfte: Verhaftung der Korruptionsverdächtigen, Rücktritt des Kabinetts Ali Maher, Übernahme des Amtes des Ministerpräsidenten, Neubildung eines nur aus Zivilisten bestehenden Kabinetts, in dem er gleichzeitig Kriegsminister ist. All das vollzog sich im verfassungsmäßigen Rahmen mit der Zustimmung des Regentschaftsrates innerhalb von 24 Stunden. Das neue ägyptische Kabinett General Nagibs hat in neuneinhalbstündiger Nachtsitzung Gesetze über die Bodenreform und zur Reorganisation der politischen Parteien mit dem Ziel ihrer Auflösung gebilligt.

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Die Bilanz der ersten aktiven Wahlkampfwoche in den Vereinigten Staaten ergibt selbst nach der in Lager der Republikanischen Partei herrschende Auffassung eher einen Erfolg für Stevenson als für Eisenhower. Als besonders bedenklich, empfindet man dort die laue Stimmung bei Eisenhowers Rede in Kasson vor einhunderttausend Farmern und ihren Familien aus dem Mittelwesten, also einer traditionell überwiegend republikanischen Wählerschaft. Eisenhowers Rede wurde schweigend angehört und nur gelegentlich durch spärliche Zustimmung unterbrochen, obwohl Eisenhower den Farmern im Falle seiner Wahl eine bundesstaatliche Subvention versprach, die weit über das Höchstmaß einer jemals von einer demokratischen Regierung bewilligten staatlichen Beihilfe hinausgehen würde. Die größte Hoffnung setzen die Republikaner auf Eisenhowers bemerkenswerten Publikumserfolg in den Südstaaten, der aber inzwischen schon wieder herabgemindert wurde, nachdem der General kurz darauf in Chikago erklärte, er würde ohne weiteres einen Neger in sein Kabinett aufnehmen.

Die ersten Voraussagen der vorsichtigen neutralen englischen Presse sehen in Stevenson den ziemlich sicheren Sieger über Eisenhower, dem "Aufrichtigkeit und hohe Gesinnung" bescheinigt wird. "Fragt man jedoch nach dem politischen Urteilsvermögen" – so schreibt der konservative Spectator – "so ist Gouverneur Stevenson bei den gleichen charakterlichen Vorzügen überlegen".

Eins der ersten Amtsgeschäfte des aus dem Urlaub zurückgekehrten Bundeskanzlers war der Empfang des neuen amerikanischen Hohen Kommissars, Walter J. Donnelly, dem wenige Stunden später der erste Besuch des Oberbefehlshabers der Atlantikpakt-Streitkräfte, General Matthew B. Ridgway, folgte. In einer anschließenden Pressekonferenz sprach der General die Hoffnung aus, daß das Vertragswerk über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft bald ratifiziert werde und in Kraft treten könne. Die SPD nahm diese Äußerung zum Anlaß, um davor zu warnen, sich vor dem 4. November, dem Tag der Wahl des amerikanischen Präsidenten, festzulegen. General Eisenhower sei zwar der vom Bundeskanzler offen favorisierte Kandidat, man brauche aber nur an die kriegerischen "Fanfarenstöße" in der Rede Eisenhowers über die Befreiung der von der Sowjetunion unterdrückten Völker zu denken, um zu erkennen, welche "Zumutung ein solches Verlangen nach Blankobindung in sich schließt".

Auf Vorschlag des Bundesinnenministers Dr. Robert Lehr bestimmte die Bundesregierung den 7. September als "Nationalen Gedenktag", der der "nationalen Besinnung auf die Errichtung der Bundesrepublik und die von ihr in den drei Jahren ihres Bestehens geleisteten Arbeit dienen" soll. In Bonn fand an diesem Tage eine festliche Sitzung des Bundestages statt. In seiner Ansprache bezeichnete der Bundestagspräsident Dr. H.Ehlers den Willen zur Wiederherstellung der deutschen Einheit als das vordringliche Ziel jeder deutschen Politik. E.K.