K. W. Berlin

Das SED-Regime in der Sowjetzone ist informationsfeindlich. Nachrichten über Unfälle, Explosionen, Brände, Eisenbahn- und Verkehrspannen – und seien sie auch ganz unpolitischer Natur – erfährt die Masse der Bewohner der Sowjetzone nie, noch weniger solche über politische Entwicklungen. Als "Information" ist nur zugelassen, was dem Regime in den Augen seiner Herren dienlich ist. Wer sich wirklich über die Sowjetzone unterrichten will, muß also andere als die amtlichen Quellen suchen. Das heißt, daß alles, was über den inneren Zustand in der Sowjetzone bekannt wird, einen heimlichen Weg hinter sich hat. Die kommunistischen Zeitungen lassen wohl Rückschlüsse auf diese oder jene Schwierigkeiten zu, denen die Herrschaft der Funktionäre in der Sowjetzone auf Schritt und Tritt begegnet.

Von um so größerer Bedeutung ist das Nachrichtenwesen, das auf anderen Wegen Informationen aus der Zone nach dem Westen bringt. Da das SED-Regime jedoch nur die der SED genehmen Nachrichten als legal ansieht, wird jede Information objektiver Art vor dem Sowjetzonenapparat zum illegalen Akt. Seit Monaten spricht die Propaganda der Grotewohls von Agenten, Saboteuren und Diversanten: Sie meint hiermit, wie eine Reihe von Prozessen in der Sowjetzone gezeigt haben, alle jene Menschen und Menschengruppen, die das tun, was in jedem anderen Staat zur selbstverständlichen demokratischen Öffentlichkeit gehört, nämlich über Vorgänge und Entwicklungen zu berichten, die offen zutage liegen. Daher hat die "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" in den ersten Jahren es als ihre ausschließliche Aufgabe angesehen, Berichte zu sammeln von dem Unrecht und der Willkür, die täglich in der Sowjetzone vor sich gehen. Der "Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen", später gegründet als die "Kampfgruppe", hat seine Aufgabe ungleich präziser gesteckt und bis zum heutigen Tage auch in dieser Präzision beibehalten: er sammelt aktenkundiges Material über alle Gewaltakte und Verfehlungen, die auf den Gebieten der Justiz, Verwaltung und Wirtschaft der Sowjetzone stattfinden. Daneben gibt es eine Anzahl anderer Gruppen, die nach dem Schicksal von Personen in der Sowjetzone suchen, die bestimmte Berufsgruppen und Parteien beobachten, die Hilfe und Rat für Organisationen und Einzelpersonen bereitstellen. All dies hat sich entwickelt, um die Nachrichtensperre in der Sowjetzone zu durchbrechen.

Diesen Organisationen ist es zu danken, daß die Deutschen in der Sowjetzone nicht völlig von der westlichen Welt abgeschnitten sind. Aber manchen dieser Gruppen hat es nicht genügt, Informationen zu sammeln. Sie haben sich mit der Frage beschäftigt, wie der Sowjetzone, solange sie noch von der SED besetzt ist, geholfen werden könne. Hilfe für die Ostzonenbevölkerung kann materiell, kulturell und moralisch sein. Die materielle Hilfe sucht sich im Päckchenversand wenigstens einen bescheidenen Weg, die kulturelle Hilfe ist auf die Einschleusung von gänzlich unpolitischen Büchern beschränkt, die moralische Hilfe erschöpft sich wohl vorwiegend in Deklamationen und Bekenntnissen, die realen Wert kaum haben.

Es gibt aber auch die Möglichkeit der direkten politischen Hilfe. Über diese gehen die Meinungen allerdings beträchtlich auseinander. Es ist keine Frage, daß zum Beispiel die Rundfunksendungen in die Sowjetzone hinein, voran die des Rias, eine wirkliche Funktion haben. Ebenso die Flugschrift, das Flugblatt, die Zeitung, die in vielen Hunderttausenden von Exemplaren auf den abenteuerlichsten Wegen in die Zone gelangen, wenn diese auch vergleichsweise eine geringere Wirkung haben als die ständig und in höchstem Maße genutzte Möglichkeit, den Rundfunk abzuhören. Allen schon der Umstand, daß jetzt eine SED-Kampagne eingesetzt hat, mit dem Ziel, die Rias-Hörer zu Agenten zu stempeln, deutet auf die tiefgreifende Wirkung, die solche politische Information in der Sowjetzone hat. Die Rundfunksendung ist für die Sendenden selbst gefahrlos. Die Verbreitung von westlichen Zeitungen und Zeitschriften aber bringt diejenigen, die daran mitwirken, in ernsteste persönliche Gefahr. Weil sie westliche Zeitungen bei sich gehabt haben, sitzen heute viele junge Studenten und Schüler in Zuchthäusern und Konzentrationslagern der Sowjetzone. Ebenso sind Menschen zu hohen und höchsten Zuchthausstrafen verurteilt worden, weil sie objektiv wahre Nachrichten an westliche Zeitungen oder Rundfunksender weitergegeben haben. Die Information aus der Sowjetzone ist in beiden Verkehrsrichtungen heute nicht nur illegal, sondern ein Verbrechen und führt ins Zuchthaus und bisweilen sogar an den SED-Galgen.. Noch mehr setzt derjenige sein Leben aufs Spiel, der Möglichkeiten für einen aktiven. Widerstand in der Zone zu schaffen sucht.

Unter solchen Umständen wird die Frage dringlich, ob die bisherige Art, den Widerstand in der Sowjetzone wachzuhalten und zu unterstützen, noch weiter beibehalten werden kann. Es mehren sich Klagen darüber, daß gegenwärtig vom Westen fragwürdige und vor allem unzureichende und dilettantische Mittel angewandt werden, wodurch ganz unnötigerweise Menschenleben in Gefahr geraten. Wir meinen damit gewiß nicht die vorzügliche Arbeit des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen, wohl aber gehen andere Gruppen in Berlin offenbaren der Rücksichtslosigkeit, mit der sie junge Menschen opfern, zu weit. Daher scheint uns der Zeitpunkt gekommen, daß sich die Bundesregierung einschalten muß. Den Widerstand in der Sowjetzoie zu unterstützen, ist eine deutsche Aufgabe, für die erhebliche deutsche Geldmittel zur Verfügung gestellt werden müssen, Die Maßnahmen selbst sollten von verantwortungsbewußten Regierungsorganen kontrolliert werden.