Rlt. Düsseldorf, Anfang September

Hätte die Stahltreuhänder-Vereinigung anläßlich ihres Ablebens zum 1. September 1952 schwarze Anzeigen verschickt, dann hätten diese Erinnerungsurkunden goldumrändert sein können. In Deutschland hat niemand die Stahltreuhänder um ihre Aufgabe beneidet: nicht nur die Vollstrecker alliierter Diktate eines fortgesetzten Wirtschaftskrieges gegen die deutschen Schlüsselindustrien zu sein, sondern auch noch für diese Arbeit die Verantwortung mitübernehmen zu müssen. Stellung und Tätigkeit dieser Männer war daher stets umstritten. Zwar hatten die Gewerkschaftsvertreter seinerzeit ihre Posten nicht ungern übernommen, da sich deren Pläne einer Zerschlagung der deutschen Stahlindustrie mit alliierten Wünschen deckten. Die von der Unternehmerseite delegierten Männer übernahmen dagegen die gleiche Bürde unter dem Vorzeichen: Wir wollen retten, was zu retten ist.

Im Verlauf der Arbeitsjahre erkannten die Delegierten der Gewerkschaft, daß im Interesse der Volkswirtschaft die ausgewogene Auffassung der Unternehmerseite im Stahltreuhänderrat die richtigere war. Sie bekannten sich auch in Wort und Tat zu diesen Grundsätzen, so daß Dinkelbach in wohl allen entscheidenden Fragen einstimmige Beschlüsse erreichen konnte.

Aber leider scheint dieser sachlich berechtigte Wandel für manche unserer Stahlwerke doch bereits zu spät gewesen zu sein. In einer ausgezeichneten Schlußansprache zog Dr. Heinrich Deist diese Bilanz dreijähriger Stahltreuhändertätigkeit. Er zeigte noch einmal den Leidensweg des deutschen Stahls, ein Leidensweg, der primär durch die Kapitulation und die Besatzungsmacht verursacht war. Zu zwei Punkten möchten wir jedoch noch Stellung nehmen.

Wenn Dr. Deist sagte, daß man nur vor der Alternative gestanden hätte, entweder unter Beachtung der Eigentümerinteressen unangemessen große Schäden der Eisenwirtschaft zuzufügen oder unter Beeinträchtigung der Eigentümerinteressen eine konstruktive Neuordnung zu finden, so liegt hier doch offenbar ein historischer Irrtum vor. Die Alternative des Jahres 1949 war: Eingehen auf die alliierten Zerschlagungsbefehle oder – möglichst große neue Werkskomplexe erkämpfen. Auf alle Fälle war jede neue Lösung im Vergleich zu den vorzüglichen ehemaligen Konzernen der deutschen Stahlindustrie eine schlechtere Lösung. Aus den anfänglichen, aber Jahre zurückliegenden Erklärungen einiger Stahltreuhänder geht jedenfalls klar hervor, daß auch in diesem Kreis die Forderung der alliierten Wirtschaftskriegs-Strategen, nämlich möglichst viele und kleine Unternehmen zu schaffen, der eigenen Auffassung entsprach. Dr. h. c. Dinkelbach beabsichtigt, etwa nach Jahresfrist ein "Weißbuch" zur Entflechtung herauszubringen. Wir hoffen, es wird auch in diesem Punkte vollständig sein.

So sehr nun die Offenheit von Dr. Deist zu begrüßen war, mit der er als unbestritten bester Kenner dieser Materie die künftige ertragswirtschaftliche Situation aller neuen Gesellschaften kennzeichnete, so müssen wir uns doch fragen, welche Gründe zu diesen wohlvorbereiteten Erklärungen Anlaß gegeben haben. Nichts ist gegen die Mitteilung zu sagen, welche Werke heute in der Spitzengruppe stehen. Das kann nur die Nichterwähnten anspornen und den Erwähnten nützen. Auch die in der zweiten Gruppe liegenden Werke, die er als noch gerechtfertigte Gründungen bezeichnete, mögen das über sich ergehen lassen. Aber warum dann sechs Werke aufgezählt werden, die nach seiner Meinung nicht mehr jeder wirtschaftlichen Entwicklung gewachsen sein dürften, ist schwer verständlich. Sehen wir einmal von der Möglichkeit einer kreditpolitischen Beeinträchtigung der betroffenen Unternehmen ab. Dann bleibt die Frage offen, warum hat die Stahltreuhändervereinigung die Verantwortung für die Gründung dieser Gesellschaften übernommen und ihre Entflechtung durchgeführt?

Im Falle Krupp, wo sie anderer Meinung war, als der betroffene Familienchef, ist sie jetzt von der Verantwortung zurückgetreten und lehnte es ab, den Auftrag der Alliierten zu erfüllen. Diese Haltung wäre wirtschaftlich und politisch ganz korrekt, wenn sie auch zugunsten der älteren und doch offenbar unzureichenden Entflechtungskünste angewandt worden wäre. Diese Entwicklung bekümmert uns und erscheint uns wie ein trüber Schatten für die sonst in der Tat ungewöhnlici schwierige, verantwortungsreiche und vielfach gute Arbeit der Stahltreuhänder zu sein. Wir glauben, daß eines Tages eine Aufklärung in diesem Punkte erfolgen müßte.